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Der Beat der 60er, Rhythm and Blues, Rock und Pop, die Faszination
von Swinging London und die sich von San Francisco ausbreitende
Hippiebewegung entfachten bei vielen Schülern und Lehrlingen den
Wunsch, Musik zu machen und eine Band zu gründen. So auch in
Hamburg. Die ersten musikalischen Beziehungen späterer Bandgründer
kamen oft über die Schule und/oder den Wohnort zustande. ALCATRAZ
rekrutierte sich im Frühjahr 1969 aus den Vorstadtgruppen
»Blues 'n' All«, in der Ronny, Klaus und Jan gespielt
hatten, sowie aus der Gruppe „Smoke Stacks Lightning“, in der Rüdiger
seine ersten musikalischen Erfahrungen gemacht hatte. Die Gruppe
hatte bis zum Herbst 1969 ein paar Auftritte in Jugendhäusern und
belegte bei einem Rockband Wettbewerb in Helmstedt, dem einzigen an
dem sie je teilnahm, den ersten Platz. Das Repertoire des Quartetts
bestand vornehmlich aus Titeln von bekannten Bands wie Ten Years
After, Keef Hartley Band, Savoy Brown, Vanilla Fudge, Black Sabbath,
Uriah Heep usw. Auch einige wenige Eigenkompositionen waren im
Programm.
Im
Laufe der Zeit verlor sich das Interesse der Gruppe, Titel bekannter
Bands nachzuspielen. Sie besann sich darauf, eigene Stücke zu
komponieren, die sich an Klänge der Jazz Rock Avantgardisten
wie Soft Machine, Colosseum oder Tony Williams’ Lifetime
anlehnten. Das langgezogene, freie Improvisieren begann -
allerdings völlig anders, als man es damals gewohnt war. Dem
Publikum wurde es oft nicht leicht gemacht, einen Zugang zur
ALCATRAZ Musik zu
finden. Die Tatsache, dass die Band sich nicht auf den
ausgelatschten Wegen des Rocks bewegte, zog viele allerdings wie
magisch an. Im Frühjahr 1970 stießen der Saxophonist/ Flötist
Klaus Nagurski und der Manager Willy Jahnke zur Band. Damit begann für
die folgenden zwei Jahre die wohl bewegteste Phase der Band.
Willy
Jahnke, ein Zwanzigjähriger voller Tatendrang, kannte die Tricks
des Showbusiness: Reporterbesuche, Tapezieren ganzer Städte mit
ALCATRAZ-Plakaten, „Verkauf“ der Gruppe als holländische
Band... Willy Jahnke hatte die schwere Aufgabe, eine Gruppe zu
vermarkten, die in Bezug auf ihre Musik gegenüber den
Veranstaltern, den Plattenfirmen und dem Publikum keinerlei
Kompromisse machte. Ärger mit kommerziellen Veranstaltern konnte
deshalb nicht ausbleiben. Die Gruppe flog aus Discos -in einem Fall
sogar während des laufenden Konzertes- oder sie wurde zumindest
nicht wieder engagiert. Die Musiker von ALCATRAZ blieben durch
solche Erlebnisse bemerkenswert unbeeindruckt. Für sie gab es nur
eins: ihre Musik. Alles, was der Band musikalisch gefiel, wurde
tabulos zu neuen Stücken verarbeitet, z.B. wurden Musikfragmente
von Cannonball Adderley mit Einflüssen von Deep Purple vermischt.
Diese
Mixtur, gewürzt mit provozierenden Ansagen, war für den
durchschnittlichen Rockfan zwar schwer verdaulich, dennoch
verschaffte Willy Jahnke der Gruppe bis Mitte 1972 dank seines
organisatorischen Talentes zahlreiche, durchaus beachtliche
Auftritte. ALCATRAZ spielte in dieser Zeit vornehmlich in von
Jahnkes Management angemieteten, großen Kinos, in Theatersälen und
Stadthallen in Nord- und Westdeutschland und machte Kurztourneen mit
Hardin & York, Ekseption, Pretty Things und natürlich mit den
damals bekannten deutschen Gruppen wie Birthcontrol, Jane, Neu, Wind
oder Ikarus. Die für die damaligen Verhältnisse guten Gagen wurden
oft noch in derselben Nacht mit der Crew, mit Freunden und Gästen
in großen Runden von teilweise bis zu 30 Personen in den
Lieblingsgasthäusern der Gruppe auf den Kopf gehauen.
Im
Herbst 1971 stellte Jahnke den Kontakt zum Produzenten Jimmy Boyks
her, der dann die erste LP „Vampire State Building“ produzierte.
Während der Aufnahmen im Studio der Gruppe Faust in Wümme kam es
am zweiten Tag zu einem Vorfall, den die Gruppenmitglieder wohl ihr
Leben lang nicht vergessen werden. An diesem Tag hatte ein großes
Polizeiaufgebot mit durchgeladenen MPs und mitgeführten Hunden das
Studiogelände auf einem ehemaligen Bauernhof umstellt,
offensichtlich in der Erwartung, ein Terroristennest ausheben zu können.
Dieser Zwischenfall konnte allerdings nicht verhindern, dass die
Aufnahmen für die LP noch am selben Tag erfolgreich abgeschlossen
wurden. 1972 brachte die Tonträgerfirma Philips „Vampire State
Building“ mit einer Startauflage von 3.000 auf den Markt. Anfangs
schwer verkäuflich, entwickelte sie sich zu einem heute äußerst
begehrten Sammlerstück. Im Zuge der Recherchen zur Veröffentlichung
des Albums auf CD entdeckten die Musiker noch drei weitere
Aufnahmen, die drei Monate nach dem Faust-Studiotermin im Hamburger
Windrose Dumont Studio aufgenommen wurden und von denen eine als
Bonustrack auf der vorliegenden CD zu hören ist.
Im
Frühjahr 1972 hatte der Manager Willy Jahnke weitere, höchst
lukrative Auftritte für die Band besorgt, aber Schlagzeuger Jan
Rieck wurde zur Bundeswehr eingezogen. Der Traum von der Profiband
war vorläufig ausgeträumt. Auch ein von Jan angestrengtes
Gerichtsverfahren gegen die Bundesrepublik Deutschland konnte nicht
verhindern, dass er letztlich zur Bundeswehr einrücken musste.
In
der Folgezeit spielte die Band in wechselnden Besetzungen im
Amateurstatus, soweit Jan sich eben von der Bundeswehr loseisen
konnte. Fakt war aber, dass die große wilde Zeit erst einmal vorbei
war. Nach Beendigung seiner Wehrzeit stieg Jan Rieck wieder als
fester Schlagzeuger in die Band ein und sorgt seitdem dafür, dass
noch bis in die Gegenwart gelegentlich Konzerte stattfinden. Nach
dem Ausstieg von Ronny Wilson und Klaus Nagurski blieben Klaus, Rüdiger
und Jan der alten Underground-Tradition verpflichtet. In wechselnden
Besetzungen spielte man inkl. zweier deutschsprachiger Programme die
70er Jahre durch. Ende der 70er verließ Rüdiger die Band, die dann
bis 1984 mit Saxophonist Rainer Hansen und Bassist Manfred Jakob
sowie im Trio Klaus, Jan und Bassist/Percussionist Mike Kann fünf
Jahre lang unter Profi-Bedingungen Underground/Fusion-orientierte
Instrumentalmusik auf LPs und Bühnen brachte.
Die weiteren Veröffentlichungen von ALCATRAZ sind der
nachfolgenden Diskographie zu entnehmen. Bis heute ist Alcatraz
durchgehend aktiv unter der Leitung von Mike Kann und Jan Rieck mit
äußerst unterschiedlichen stilistischen Projekten und wechselnden
Mitmusikern.
Manfred Steinheuer,
September 2001
Unter
Verwendung eines Textes von Thomas Hockling und in Absprache mit
Marion Lück und der Gruppe ALCATRAZ
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