Dieter Bihlmaier Selection     The SWF-Session      1973         



Die Band

Die Dieter Bihlmaier Selection wird 1972 als Trio von Flötist Dieter Bihlmaier, Schlagzeuger Gerhart „Hartchen“ Ziegler und Bassist Harry Rettenbacher gegründet. Ab 1973 übernimmt Jan Jankeje den Bass. Diese Besetzung spielt auch die vorliegenden Aufnahmen am 21.12.1973 im Studio U 1 des SWF in Baden-Baden ein. Zahlreiche Konzerte und Rundfunkmitschnitte, Auftritte auf Festivals, öfters auch mit namhaften Solisten folgen. Die Dieter Bihlmaier Selection spielt zwei Alben ein, zum Quartett erweitert mit Gerhard Dietz am Vibraphon, „Maskerade“, erschienen 1974 auf dem Label Creativmusic-Records und 1976 „Manipulsation“ für das Label Pläne (Jazz S3004); diesmal neben den Gründungsmitgliedern Bihlmaier und Ziegler mit dem Bassisten Wolfgang Lauer und Wolfgang Lackerschmidt am Vibraphon. In der Folgezeit (ab 1978) spielen Bihlmaier und Ziegler in Quartettformationen mit dem Bass-Klarinettisten Michel Pilz und dem Bassisten Buschi Niebergall sowie an Stelle von Pilz mit dem Saxophonisten Heinz Sauer. 1980 – 1981 spielt Bihlmaier im Duo mit dem Bassisten Wolfgang Lauer. Mit seinem tragischen Tod im Alter von gerade mal 40 Jahren im Februar 1981 endet jäh ein aufregendes Musikerleben. 


Die Musiker

DIETER BIHLMAIER, Jahrgang 1941, studiert in Stuttgart, Zürich und Berlin, zuletzt bei dem Flötisten Aurèle Nicolet. Seine Vorliebe für Jazz äußert sich zunächst im Spielen der Posaune in verschiedenen Dixielandbands bis er für sich feststellt, dass seine Berufung die Flöte und der Neue bzw. Moderne Jazz ist. Er engagiert sich in diversen Formationen u. a. mit Harry Rettenbacher, Peter Kowald und Karl Berger. Neben der „normalen“ Querflöte, spielt er Piccolo, Altflöte, Bassflöte und Bambusflöten. Als erster Flötist hat er an der Oper in Aachen und im Städtischen Symphonieorchester Heidelberg gewirkt. 1970 erhält Bihlmaier an der staatlichen Hochschule für Musik in Heidelberg einen Lehrauftrag. Wenig später unterrichtet er ebenfalls Flöte am Erlangener Musikinstitut und leitet dort das von ihm initiierte Jazz-Forum, eine integrierte Abteilung für Neuen Jazz. 

Das Jazzpodium beschreibt seine Spielweise wie folgt: Bihlmeiers Flöten, sechs an der Zahl, vom Piccolo bis zur Bassflöte, Bambusflöten nicht ausgenommen, haben sowohl eine melodische als auch eine rhythmische Funktion. Durch verschiedene Anblastechniken werden den einzelnen Flötenistrumenten vielfältige Ausdrucksformen entlockt, um den klassisch-schönen Toncharakter der Flöte der expressiven Jazz-Intensität anzupassen. So entstehen abwechslungsreiche, die unterschiedlichsten Stimmungen verbindende Klangqualitäten. 


JAN JANKEJE, 1950 in Bratislava, Slowakei geboren, beginnt bereits im Alter von 4 Jahren unter dem Einfluss des sehr musikalischen Vaters Geige zu spielen und unternimmt seine ersten Schritte in Richtung Jazz mit der Ragtime Jazz Band Bratislava, in der er Kontrabass und Geige spielt. Ab 1966 studiert er 2 Jahre Geige auf dem Konservatorium in Bratislava und wechselt dann endgültig zum Kontrabass (zu große Hände für ein filigranes Geigenspiel). Seine ersten öffentlichen Jazzkonzerte absolviert er im Alter von 15 Jahren und erwirbt 1967 bei einem Konzert auf dem Jazzfestival Pserove/damals CSSR als „sympathischster Festivalteilnehmer“ den ersten Preis. 1968 immigriert er in die BRD. Aufgrund seiner außergewöhnlichen musikalischen Fertigkeiten bekommt er schnell ein Engagement im legendären Atlantik-Jazz-Club in Stuttgart und absolviert Jazz Sessions u. a. mit Ella Fitzgerald, Benny Goodmann, Eugen Cicero und Horst Jankowski. Als er seine Liebe zum Neuen Jazz entdeckt, studiert er 4 Semester Kontrabass und Komposition an der Musikhochschule und Jazzakademie Graz/Österreich und gründet 1971 seine erste Band mit Harry Rettenbacher. Um sich technisch noch mehr zu verbessern, studiert er weitere 8 Semester an der Musikhochschule in Stuttgart Kontrabass. Dort war er der erste Jazzer unter den Studenten der klassischen Musik. Während dieser Zeit spielt er sämtliche Stilrichtungen des Jazz und der Klassik. Dabei lernt er neben vielen anderen Vertretern des Neuen Jazz auch Dieter Bihlmaier kennen. Neben seiner Tätigkeit in der Dieter Bihlmaier Selection spielt er viele weitere Konzerte in wechselnden Formationen u.a. mit Lionel Hampton. 1974 gründet er seine legendäre und sehr erfolgreiche Band Jan Jankeje Mlada Muzika, u. a. mit Peter Garattoni (u. a. bei Zero, Nexus, Jonathan, Eulenspygel). Die Auflistung seiner musikalischen Aktivitäten ist seitenfüllend. Abschließend sei erwähnt, dass er bei der ersten LP des United Rock and Jazz Ensembles dabei war, 1980 mit dem Preis der Deutschen Phonoakademie ausgezeichnet wurde, als musikalischer Begleiter im Württenbergischen Staatstheater Stuttgart tätig war, den Soundtrack für Rainer Werner Fassbinders letzten Film „Querelle“ komponierte, mit den bekanntesten Jazzmusikern durch die ganze Welt tourte und bis heute musikalisch tätig ist. 

Für weitere Informationen wird auf seine Website www.jankeje.de verwiesen. 

GERHART ZIEGLER, Jahrgang 1939, von Beruf Designer und Offsetmeister, interessiert sich ab 1958 für den Jazz, nachdem er sich zunächst 4 Jahre lang nur dem klassischen Klavierspiel gewidmet hat. Im selben Jahr beginnt er mit dem Schlagzeugspiel und wird bereits ein Jahr später Mitglied traditioneller und moderner Jazzgruppen. Neben der üblichen Schlagzeugausstattung verwendet er eine Vielzahl von Percussionsinstrumenten, die in das rhythmische Geschehen mit einbezogen werden. Nach der Auflösung der Dieter Bihlmaier Selection spielt er Ende der 70er / Anfang der 80er Jahre u. a. in einem Trio zusammen mit dem Saxofonisten Heinz Sauer und dem Bassisten Buschi Niebergall sowie im Sextett seines Sohnes Jörg Ziegler Bhakta u. a mit Wolfgang Lackerschmidt, Thomas Stabenow und Jürgen Wuchner. 1982 gründet er die Gruppe WAVE, ein Sextett mit wechselnder Besetzung und der Instrumentierung Flöte, Saxofon, Geige, Gitarre, Bass, Schlagzeug, u. a. mit Leszek Zadlo. 1994 beendet Ziegler seine Musikerlaufbahn. Das Jazzpodium schreibt über Gerhart Ziegler: Einmalig auf seinem Gebiet dürfte Gerhart Ziegler sein, da er bei einem Unfall den rechten Arm verlor und das Schlagzeug nur einarmig spielen kann. Doch wer ihn nur akustisch wahrnimmt, dem würde dies nicht auffallen. Die kraftvolle Intensität seines Schlagzeugspiels wird getragen von großer Vielschichtigkeit, rhythmischer Dichte, genauem Timing. Wichtigstes rhythmisches Gestaltungsmittel ist dabei die Pulsation, das Umspielen und Verschleiern der Hauptzählzeiten des Taktes durch 16tel, Triolen, Sextolen und starke Synkopierungen.


Die Musiker über ihre Musik

Wir spielen eine freie Jazzrichtung, wobei „frei“ bei unserer Musik am besten mit „flexibel“ oder „beweglich“ zu umschreiben wäre. Diese Flexibilität bezieht sich vor allem auf die Ausweitung der musikalischen Form, die zwar auf das einfache Zusammenwirken von Spannung und Entspannung zurückgeführt wird, damit jedoch eine größtmögliche rhythmisch-metrisch-melodisch-dynamische Komplexheit anstrebt; d. h. eine Stelle höchster musikalischer Spannung und rhythmisch-metrischer Dichte kann im Pianissimo erfolgen, entsprechend kann umgekehrt darauf die Entspannung des Geschehenen aufgrund einer einfachen Melodielinie in der Dominant-Tonika-Rückkehr im Forte enden. Unsere Musik ist der auf den Wurzeln des Jazz basierende, immer wieder neuer Versuch, das in uns schlummernde musikalische Material freizulegen und in einem individuell kommunikativen Prozess zu entwickeln. Komposition im traditionellen Sinn von notierten festen Teilen ist bei uns, ähnlich wie bei den Schöpfern des Neuen Jazz in den 40er Jahren, nichts weiter als ein Substrat der aus der Improvisation gewonnenen Erfahrungen, dass dann wiederum in der Improvisation gemeinsam weiter entwickelt wird.


Band und Musik in der Presse

... die Bihlmaier Selection zählt zu den beachtenswerten neuen deutschen Ensembles. Mit einer unkonventionellen Besetzung entsteht hier eine sehr anregende Variante des Free Jazz, die selbst noch in ihren explosiven Parts eine lyrische Qualität behält. ... Bewundernswerte Technik an 6 Flöten. Improvisatoren von hoher Sensibilität und Präzision. ... Moderner zeitgenössischer Jazz, intensiv durch Dynamik, variable Klangfarben, rhythmische Dichte und abwechslungsreiche Arrangements, großes musikalisches Spektrum, von schwebenden lyrischen Passagen bis hin zu explosionsartigem Kollektiv.


Der Verleger

Die vorliegenden Aufnahmen sprengen den musikalischen Rahmen, dem sich das Label Long Hair grundsätzlich verpflichtet fühlt. Als begeisterte Anhänger des Progressiv-, Psychedelic- und Krautrocks haben wir ein „offenes Ohr“ für „musikalische Höchstleistungen“. Die Musik der Dieter Bihlmaier Selection kommt mit einer ur-wüchsigen Kraft daher, die sich in explosionsartigen Ausbrüchen aber auch in lyrischen Momenten ausdrückt. Bei mehrmaligem Anhören entwickelt die Musik eine unwiderstehliche Sogwirkung an der wir sämtliche Freunde „guter Musik“ teilhaben lassen möchten. Neben dem hohen musikalischen Wert, den die vorliegenden Aufnahmen unzweifelhaft haben, sind sie auch eine absolute Rarität, da sie – anders als die beiden Alben der Dieter Bihlmaier Selection – in der Triobesetzung Flöte, Bass und Schlagzeug (also ohne den auf den LPs mitwirkenden Vibraphonisten) eingespielt wurden.

Manfred Steinheuer, August 2009 




Dieter Bihlmaier Selection

01. Ovation (Ziegler) 05:47
02. Roulette (Bihlmaier) 06:19
03. Echoes (Jankeje) 08:35
04. Maskerade (Bihlmaier) 04:42
05. Gertuschka (Jankeje) 05:13
06. Free and Romantic (Bihlmaier) 07:48
07. Arco Oriental (Bihlmaier) 05:03




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