Brian Davison          
Every which way                    


Für viele Freunde der progressiven Rockmusik ist das – leider – einzige Album Brian Davison’s Every Which Way ein Geheimtipp. Obwohl Brian Davison als Schlagzeuger von The Nice über mehrere Jahre Weltruhm und höchste Anerkennung genoss, blieb Every Which Way eher im Verborgenen. Das Album, am 25.09.1970 veröffentlicht, wurde zwar in nahezu allen relevanten Ländern auf den Markt gebracht. Die eher mäßigen Verkaufzahlen bestätigen allerdings die Vermutung, dass der Glanz von The Nice nicht auf die Band abstrahlte. Dies gilt übrigens auch für die Projekte der anderen The Nice-Mitglieder Lee Jackson und David O’List. Auch deren Veröffentlichungen als Jackson Heights und Jet blieb der Erfolg versagt. Lediglich Keith Emerson startete mit Emerson Lake & Palmer durch. Doch das ist eine andere Geschichte. 

Zuvor hatten Emerson und Jackson mit Gary Farr and the T. Bones gespielt; Emerson auch kurzfristig noch bei den V. I. P., bevor sich das Quartet Keith Emerson, Brian Davison, Lee Jackson und David O’List gleichzeitig als Backingband der Popsängerin P. P. Arnold und als The Nice formierten. Bei Konzerten traten sie gleichzeitig als The Nice im Vorprogramm und als Begleitband der Sängerin auf. Das Plattenlabel Immediate wurde auf die Band aufmerksam und verschaffte ihr einen Plattenvertrag im Oktober 1967. Noch im selben Jahr erschien die erste LP der Band. Weitere Alben folgten. Die Band feierte weltweit große Erfolge. Anfang 1970 lösten sich The Nice auf. Davison legte erst mal eine Pause ein, um sich über sein weiteres Musiker-Dasein klar zu werden. Im Frühsommer 1970 fanden sich dann binnen kurzer Zeit die fünf Bandmitglieder der Every Which Way zusammen. In einem Interview im Melody Maker vom 08.08.1970 erzählt Brian Davison wie die Band zusammenfand:

„Alles fing damit an, dass ich mir während der Zeit, als ich mit The Nice auf Tournee war, bewusst wurde, welche Musik mir wirklich gefällt. Ich traf verschiedene Leute auf meinen Reisen und schätzte ihre Musik. Es war nicht so, dass ich mir die Leute bewusst für eine künftige Band ausgesucht hatte, aber nachdem sich The Nice aufgelöst hatten, erinnerte ich mich wieder an sie. Alan hatte ich schon immer gemocht. Er ist einer der lebendigsten Bassisten, die ich je gehört habe. Dann haben wir ein oder zwei Sologitarristen ausprobiert, aber diese passten nicht so recht zur Band, so dass Alan meinte, dass wir es mit John, den er bereits kannte, versuchen sollten. John hat sich echt gut bei uns eingeführt.“

In einem zweiten Interview vom 31.10.1970 sagt er: 
„Ich hatte keine spezielle Band im Kopf, als sich The Nice auflösten. Ich habe es langsam angehen lassen, und dass ist auch der einzige Weg, wie man etwas erreichen kann. Zuerst habe ich an die Leute gedacht, von denen ich wusste, dass sie gute Musiker sind. Ich glaube Graham Bell und Jeff Peach waren die ersten. Ich wusste, dass Graham ein sehr guter Sänger ist und Jeff habe ich anlässlich verschiedener Auftritte spielen gehört. Das größte Problem war, einen Gitarristen zu finden. In den letzten 5 Monaten haben wir das Album aufgenommen und der Kern der Band steht, aber was die Auftrittsmöglichkeiten angeht, ist alles sehr enttäuschend. Wenn du lediglich hier und da einen Auftritt hast, fehlt die Ausgewogenheit, obwohl alle Auftritte bisher mit der Ausnahme desjenigen im Marquee gut waren. Als wir das Album aufgenommen haben, lief alles so, wie wir uns das vorgestellt hatten. Aber wir müssen weiter voran kommen. Wenn wir stetig weiterarbeiten können, wird alles noch viel besser. Live spielen wir das gesamte Album und zusätzlich Bob Dylan’s Days of 49.“ 

Es ist auffällig, dass die Band innerhalb kürzester Zeit in der Lage war ein spannungsreiches und sehr eigenständiges Album aufzunehmen. Ein dem Sound der Every Which Way-LP vergleichbares Album dürfte nicht existieren. 
Mit der speziellen Auswahl seiner Mitmusiker hat Brian einen Sound geschaffen mit vielen gefälligen kleinen Nuancen und Anspielungen, geprägt von erstklassigem Gesang und den Soli der Gitarre und der Blasinstrumente, angetrieben von einer kraftvollen Rhythmusabteilung. Musikalisch haben sie den magischen Kompromiss zwischen unterhaltsam und verbindlich gefunden, wobei das erste Anhören nur ein Appetitanreger ist und noch nicht alle Kostbarkeiten erkennen lässt. Die Band gewährt Graham Bell, früher bei Skip Bifferty, die Möglichkeit, seine bisher unterschätzten Sanges- und Kompositionstalente zum Ausdruck zu bringen. Tatsache ist, dass Graham Bell die meisten der Songs komponiert hat. 

„Ich habe der Band gesagt, dass, wenn sie eine Idee haben, sollen sie sie niederschreiben. Es sollte nicht alles von einer Quelle herrühren. Über die Jahre haben sich eine Menge Ideen angesammelt und nun gibt es eine konkrete Möglichkeit, diese zu verwirklichen.“

Brian Davison hat eine freundliche und verbindliche Art. In seinen Ansichten und Aussagen ist er jedoch nicht kompromissbereit. Nach der Auflösung von The Nice blieb er stur: Er sagt nichts über die Gründe der Auflösung, noch wie er sich danach fühlte. „Es wäre nur sinnlose Zeitverschwendung darüber zu reden. Die Band gibt’s nicht mehr und damit hat es sich.“

Wie beschreibt er den musikalischen Anspruch seiner neuen Band? „Es ist Musik. Wenn du sie dir anhörst, wirst du wissen, worum es geht. Sie muss nicht definiert werden. Sie spricht für sich selbst.“

In seinem Interview in der Ausgabe des Melody Maker vom 31.10.1970 hatte Brian Davison vielleicht schon eine Ahnung, dass die Band nur kurzlebig sein würde. Insbesondere beklagte er fehlende Auftrittsmöglichkeiten. 

Ein Auftrittsplan, der nur von vier Auftritten in fünf Monaten zeugt, tut selbst einer unbekannten Band weh. Aber wenn du Brian Davison bist und gerade eine neue Band gegründet hast mit der Absicht, volle Pulle loszulegen, ist es noch schlimmer. Das Leben eines Musikers verläuft nicht immer glücklich und der Bandleader hat die Aufgabe, Enttäuschungen soweit wie möglich zu kompensieren, wie z. B. irritierende kleine Ungeschicklichkeiten wie, dass das Albumlabel auf die falsche Seite gepresst wurde, wie es tatsächlich passierte.

„Wir hatten einigen Ärger mit unserer Agentur und sind zu NEMS gewechselt“, erklärt Brian. „Alles was wir möchten, ist, für die richtigen Leute am richtigen Ort zu spielen und dass war in der Vergangenheit nicht immer der Fall. Wir müssen die Gelegenheit erhalten, mit dem Publikum zusammenzuarbeiten. Die Band hat noch eine Menge zu bieten, aber wenn sie sich morgen auflöst, würde es mich nicht ärgern, es würde mir nur leid tun. Sicher, ich vermisse das Geld, dass ich mit The Nice verdient habe, aber die Sicherheit, die wir jetzt brauchen, ist eine positive Reaktion des Publikums, um zu erkennen, was wir gut oder schlecht machen. Es würde mich nicht ärgern, wenn die Band sich nach 10 Auftritten auflöst, wenn es nicht gut laufen würde. Aber es gibt so viel Substanz und außerdem wollen wir den Leuten zeigen, was wir draufhaben. Wenn wir die Möglichkeit bekommen, nicht nur 4 Mal in 5 Monaten, sondern 3 Mal wöchentlich unsere Arbeit zu tun, sind wir auf dem Weg nach oben. Für die Zukunft haben wir unserer Agentur gesagt, was wir uns vorstellen und was sie dazu beizutragen hat. Niemand wird die Gruppe verlassen, aber es wird auch niemand hinzukommen. London ist zur Zeit für uns ein schlechter Ort und es ist besser, erst mal woanders zu spielen. Zunächst möchte ich nur, dass wir auftreten können, und vielleicht werden wir nach Weihnachten wieder ins Aufnahmestudio gehen.“ 
Dass daraus nichts wurde und die Band sich wegen Differenzen mit ihrer Plattenfirma was ihre musikalische Ausrichtung anging, zerstritt und sich Anfang 1971 auflöste, lässt uns Brian Davison in seinen persönlichen Linernotes wissen. 

Nach der Auflösung der Band wechselte Sänger Graham Bell zu Arc, aus der später Bell & Arc hervorgingen, die bereits 1971 ein Album auf Charisma veröffentlichten. In dieser Band traf Graham Bell wieder auf seine alten Kollegen der Band Skip Bifferty. Nach deren Auflösung 1972, machte Bell als Solokünstler weiter. Brian Davison ließ sich mit neuen Bandprojekten etwas Zeit und gründete erst wieder im August 1973 zusammen mit seinen ehemaligen Nice-Mitstreiter Lee Jackson und Keyboarder Patrick Moraz Refugee, die stark an The Nice erinnerten. Auch diese Formation hielt nicht lange durch, da Patrick Moraz im August 1974 Rick Wakeman bei Yes ersetzte. Brian Davison arbeitete anschließend als Session-Musiker. Im Frühjahr 2006 war er mit den reformierten Nice auf Tournee. 


So genannte Supergruppen leiden häufig darunter, dass sie so verdammt super und berühmt sind. Nur wenige behalten die Bodenhaftung und finden aus der Einbahnstraße des riesigen Hypes wieder heraus. Typisch für die anderen ist, dass sie sich zurückziehen und sich mit möglichst vielen Gleichgesinnten umgeben. Jeder Egomane will verhätschelt sein oder geht es doch nur um die Kohle!?

Der Schein oder Anschein von Größe verkauft sich eben bestens, meist aber auf Kosten der Musik, die dem Hype nicht gerecht wird. 
Glücklicherweise gibt es aber auch Ausnahmen, wofür das vorliegende Album das beste Beispiel ist. Nachdem sich The Nice aufgelöst und 2 Mitglieder (Keith Emerson, Lee Jackson) bereits neue Bands gegründet hatten (ELP, Jackson Heights) machte Brian Davison das einzig richtige, nämlich in Ruhe nachdenken und die Lage analysieren. Nachdenken darüber, was er tun möchte und wohin es sich zu orientieren gilt. Nach und nach schloss er sich mit einigen Freunden zu einer neuen Band zusammen - Every Which Way - und das war genau das Richtige! 

Entspannt Euch! Es gibt keinen Hit auf dem Album. Das war auch nicht anders gewollt. Fünf Leute spielen zusammen und geben ihr Bestes. Als Bandleader hätte Brian das Recht gehabt, die Band als Mittel zur Präsentation seines Schlagzeugspiels zu benutzen. Aber das ist nicht seine Art. Dafür ist er zu diszipliniert; als Musiker hat er sich unter Kontrolle. 
Graham Bell komponierte die meisten Titel des Albums. Er hätte also auch die Richtung bestimmen können. Tat er aber nicht!
Jeff Peach spielt hervorragend Saxophon und Flöte: Hätte also sein Album werden können. Wurde es aber nicht! 
Es ist auch nicht Allan Cartwrights oder John Hedleys’s Album. Nein es ist Euer Album, nicht weil sie für Euch oder Euer Geld spielen; sie spielen für sich selbst. Von einem übermäßigen Ego kann keine Rede sein. 
Die Band spielt eine leise Musik. Spannend erklingt sie aus den hohen Wattzahlen der Lautsprecher. Akustikgitarre, Gesang und Sopransaxophon vermischen sich, nehmen Gestalt an und schaffen einen Rhythmus und eine Atmosphäre in der jeder nimmt und gibt. Der Schlussteil von Graham Bell’s „Castle sand“ ist so fantastisch, dass er nur in absolut stiller Konzentration wahrgenommnen werden sollte. Und selbst dann wird man beim ersten Hören des Titels die Hälfte seiner Schönheit und seines Aufbaus nicht mitkriegen. 

Das Album ist so konzipiert, dass man es häufig hören muss, um die ganze Schönheit der Musik mit zu bekommen.
Was Brian angeht, so hat er meiner Meinung nach nie besser gespielt als auf diesem Album und zeigt größtes Einfühlungsvermögen für das Spiel der anderen Bandmitglieder. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Das ist eine Gruppe. Beim Anhören des Albums kann man schon erfahren, wie es weitergehen wird: Aber nicht wirklich! Auch wenn Ihr denkt Ihr wüsstet es besser: Man hat das Gefühl, dass die Musik gerade passiert, dass sie durch und durch spontan ist. 

Eyery Which Way ist keine Supergruppe. Das Album ist auch kein Superalbum. Hier gibt es keine Superstars. Die Musik ist in vielfacher Hinsicht umfassender, gleichzeitig aber auch entspannter als das, was uns viele so genannte „Supergroups“ bieten. Sie erfordert ein konzentriertes Zuhören. Aber wenn einmal ein Zugang zu ihr gefunden ist, wird sie bleiben und Dich berühren weit über den Zeitraum hinaus, als die Musik mancher so genannter Supergruppen. Nimm sie in Dich auf. Erfahre all die wundervollen kleinen Entdeckungen dieses Albums. Erfahre, wohin sie Dich führen. Ein Weg, der Dir Freude bereiten wird: Every Which Way! 

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Nachdem Keith Emerson „The Nice“ 1970 aufgelöst hatte, begann ich mich nach Musikern für eine neue Band umzuschauen. Zunächst galt es einen guten Sänger zu finden. Graham Bell war einer der besten Sänger und Komponisten, die ich kannte und - Gott sei Dank - war er an einer Zusammenarbeit mit mir sehr interessiert. Graham brachte mich dann mit dem Gitarristen John Hedley zusammen und Alan Smith, mein engster Mitarbeiter, stellte mich Alan Cartwright, dem Bassisten, vor. Den Saxophonisten Jeff Peach hatte ich bereits ab und zu getroffen und schon immer sein Spiel geschätzt und so habe ich auch ihn eingeladen, mit uns zu spielen. 

Ich glaube schon, dass wir unsere kurze Zeit als Every Which Way genießen konnten. Ich glaube auch, dass es eine sehr gute Band war, die sich sicherlich noch besser entwickelt hätte, wenn wir nur genügend Zeit gehabt hätten. Graham und ich waren uns nicht immer über unsere musikalische Ausrichtung einig und Alan erhielt ein Angebot, welches er nicht ablehnen konnte, nämlich bei Procol Harum einzusteigen. Soweit ich mich erinnere, heuerte John auf einem Kreuzfahrtschiff an und, was Jeff angeht, so habe ich absolut keine Ahnung, was er nach der Auflösung von Every Which Way tat oder wo er sich heute aufhält. 


Zwischen der Band und der Plattenfirma gab es erhebliche Meinungsunterschiede in welche Richtung sich die Musik entwickeln sollte.So enthält die vorliegende CD die einzigen Aufnahmen die Every Which Way gemacht hat. Ich hoffe, ihr habt Spaß daran!

Brian Davison, Januar 2004


 

BED AIN’T WHAT IT USED TO BE 9:30
CASTLE SAND 6:47
GO PLACIDLY 3:50
ALL IN TIME 8:54
WHAT YOU LIKE 3:42
THE LIGHT 6:18





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