DZYAN     Mandala SWF-Session 1972               



DZYAN

Dzyan, Ende 1971 von dem Multi-Instrumentalisten und Komponisten Reinhard Karwatky in Groß-Gerau, nahe Frankfurt/Main gegründet, spielten einen von der Ethno-Musik beeinflussten progressiven Jazz-Rock. Der Gründungsformation gehörten Jochen Leuschner (vocals/percussion), Reinhard Karwatky (bass/sounds), Gerd “Bock“ Ehrmann (tenor sax), Harry Krämer (guitars) und Ludwig Braum (drums/percussion) an. Die Musiker kannten sich bereits aus verschiedenen Bandprojekten, Jam Sessions, Jazz-Workshops und Studioaufnahmen (AFN Frankfurt/Main, Union-Studio/München, EMI Studio/Köln u.a.).

Reinhard Karwatky studierte in dieser Zeit klassische Musik an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim, Dr. Hoch’s Konservatorium - Musikakademie Frankfurt und an der Akademie für Tonkunst Darmstadt (Kontrabass, Trompete, Klavier, Kontrapunkt, Komposition). Außerdem spielte er Gitarre, Violoncello, Sarangi, Sitar, Rebec und Synthesizer. Neben seiner Vorliebe für klassische Musik interessierte er sich auch für zeitgenössische und elektronische Musik. Während dieser Zeit fokussierte er zunehmend seine Privatstudien in Ethnomusikologie, Weltreligion und Methaphysik. Intensive Studien brachten ihn zur östlichen Philosophie, alten Weisheitsreligionen und zur Esoterik – der Geheimlehre – “Das Buch des Dzyan“.

(Madame Blavatsky’s berühmtes Werk beruhend auf Zitaten aus dem Buche Dzyan, die ihr angeblich in Briefen und Träumen von tibetanischen Mystikern offenbart wurden, das heilige Buch Zentralasiens, in dem die göttlichen Mysterien des Universums und die Reise der Pilger-Seele durch die “Zeitalter der Menschheit“ beschrieben sind).

Dzyan ist die Lautumschrift des Sanskritwortes ”dhyana”, das geistige Stabilität, Weisheit und göttliches Wissen bedeutet.

Jochen Leuschner war ebenso in die - Geheimlehre - von Blavatsky’s Grand-Livre der esoterischen und okkulten Welt eingetaucht und tief von deren grundlegenden Werk, “DAS BUCH DES DZYAN“ beeindruckt. Beide beschlossen die Tibetischen “Stanzas des Dzyan“ als Inspiration und Grundlage ihrer Kompositionen für das Debütalbum zu verwenden. Zusätzlich mit der von Karwatky erfolgten ’Adoption’ des Namens Dzyan sind damit die “Ursprünge“ der Gruppe Dzyan beschrieben. Im November 1971 konnte Karwatky für Dzyan mit dem Aronda Label einen exklusiven Schallplattenvertrag abschließen.

Die Aufnahmen und Abmischung für das gleichnamige Debütalbum fanden im Februar und März 1972 statt. Schon im April wurde das Album mit einem eindrucksvollen, zur Musik stimmigen Cover veröffentlicht. Das Debütalbum ist auch aus heutiger Sicht ziemlich einzigartig.

Auf Jazz Grooves basierende Ausflüge in Space-Rock Improvisationen, veredelt mit fremd klingenden elektronisch-akustischen Klängen, geschickt vermischte Elemente verschiedener Stile von Zappa-esquen Jazzeinflüssen aus der Zeit von Hot Rats bis zu den frühen King Crimson-Alben sowie Fusion-Rock à la Nucleus, Soft Machine, Magma und sogar Van der Graaf Generator ähnlichem Prog-Rock, gepaart mit ethnischen und kosmischen Elementen, alles eingebettet in fremd klingende 'gothic' anmutende Songs. Die Kompositionen zeigen eindrucksvoll die technischen Fähigkeiten der Musiker, großartiger, einen weiten Tonumfang umfassenden Gesang, auch mehrstimmig 'multitracked' oder begleitet vom Saxophon, innovative Basslines, exzellentes Gitarrenspiel und superben Tenorsax Solos, untermauert von ausdrucksstarken, dynamischen Drums und Percussions.

Als das Debütalbum im April 1972 erschien, hatten Gitarrist Harry Krämer und Schlagzeuger Ludwig Braum die Band bereits verlassen. Krämer studierte klassische Gitarre bei Prof. Heinz Teuschert am Dr. Hoch's Konservatorium - Musikakademie Frankfurt. Bis heute arbeitet er als Gitarrenlehrer. Braum schloss sein Studium der klassischen Musik mit dem Staatsexamen als Orchestermusiker und dem Master Diplom für Schlagzeug und Percussion an der Akademie für Tonkunst Darmstadt ab. Gleichzeitig wurde er festes Mitglied im Staatsorchester der Rheinischen Philharmonie, Koblenz, in dem er bis dato als Schlagzeuger mitwirkt.

Karwatky rekrutierte als neuen Gitarristen Eddy Marron (ex-Jochen-Brauer-Sextett und Vita Nova, klassisch ausgebildeter Gitarrist mit Studium der Konzertgitarre an der Staatlichen Hochschule für Musik Heidelberg-Mannheim) und den in Darmstadt geborenen und lebenden Schlagzeuger Lothar Scharf (Volker Kriegel Trio, Solo-Pauker bei den Berliner Symphonikern, studierte klassische Percussion an der Akademie für Tonkunst Darmstadt und an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Berlin) als Ersatz für Krämer und Braum. Damit war die Band wieder komplett. In der neuen Formation absolvierte Dzyan in den anschließenden Monaten eine Reihe von Konzerten. Es waren die ersten Live-Auftritte von Dzyan überhaupt. Der Südwestfunk lud die Gruppe im Oktober 1972 zu Aufnahmen in das sendereigene Studio U1 in Baden-Baden ein (LP/CD Long Hair LHC 87, LHC 88). Im November 1972 verließen Sänger Jochen Leuschner und Saxophonist Gerd “Bock“ Ehrmann die Band. Gitarrist Marron übernahm auch den Gesang und Dzyan spielte als Trio weiter. Auch in dieser Besetzung wurden mehrere Live-Auftritte gespielt.

Jochen Leuschner gründete nach seinem Ausstieg, nur wenige Monate später, mit einigen Darmstädter Musikern die Rockformation “Hardcake Special“. Die Gruppe veröffentlichte 1974 ein gleichnamiges Album auf dem Brain-Label (Metronome), produzier von Frank Dostal. Im gleichen Jahr begann Leuschner seine Tätigkeit bei CBS-Schallplatten in Frankfurt. Nach verschiedenen Positionen innerhalb des Unternehmens, wurde Leuschner 1984 mit 35 Jahren der damals jüngste Geschaäftsführer des weltweiten Musikunternehmens. Er führte die deutsche Filiale erfolgreich insgesamt 17 Jahre. Ende 2001 verließ er das Unternehmen auf eigenen Wunsch. Leuschner lebt heute in der Nähe von Friedberg (Hessen). Gerd Ehrmann spielte nach seinem Weggang von Dzyan in erster Linie akustischen Jazz, mit Jürgen Wuchner, Wolfgang Wüsteney, Michel Eicken u.a. Seit Mitte der 70er Jahre ist er als Sozialarbeiter in Frankfurt tätig. Drummer Lothar Scharf verließ die Band im März 1973 und stieg bei “Virgo“ ein. Er wurde ersetzt von Peter Giger, der vom legendären “Albert Mangelsdorff Quintett“ kam. Ab Mai 1973 spielte das 'neue' Dzyan - Trio in der Besetzung Marron, Karwatky und Giger.

Im Frühsommer 1973 machte Karwatky die Bekanntschaft von Peter Hauke, den berühmt-berüchtigten Produzenten und Gründer des Labels Bacillus. Nachdem sich beide über einen Schallplattenvertrag geeinigt hatten, unterzeichnete Dzyan im Juni ’73 einen exklusiven Vertrag mit Bellaphon für das legendäre Bacillus-Label. Ende August nahm die Band ihr 2. Album TIME MACHINE im legendären Dierks-Studio in Köln/Stommeln auf, produziert von Peter Hauke, aufgenommen und gemischt von Dieter Dierks. Veröffentlicht wurde das Album im November auf Bacillus. TIME MACHINE mit seinem psychedelischen Cover (Helmut Wenske), ist im Vergleich zum Debütalbum ein völlig neu und anders klingendes Werk. Der Sound der Gruppe bewegte sich zwar immer noch im Jazzrock, öffnete sich aber mehr in Richtung experimentellen Fusion und Free-Rock. Als Trio entwickelte sich Dzyan vom “Prog-Rock“ mit Gesang des 1. Albums jetzt in Ethnische- und Jazzgefilde mit mehr Raum für spaced-out und exotische Improvisationen, zu einer ungewöhnlichen Form des Acid-Rocks mit heftigen Ausflügen ins Mahavishnu-Land. TIME MACHINE ist virtuos und zeigt die Musiker mit eigener Ästhetik auf höchstem Niveau. Das Album gilt als einer der Meisterwerke des deutschen progressiven Rocks.Im Niemandsland zwischen Jazz und Rock und als Vorläufer des Post-Rocks der 90er war TIME MACHINE seiner Zeit weit voraus. Nach den Aufnahmen zur LP absolvierte die Band eine Reihe von Auftritten in Deutschland und den angrenzenden Nachbarländern (Jazz-Festival Frankfurt, German-Pop-Meeting,1974, Grugahalle/Essen u.a.). In den USA wurde TIME MACHINE im April 1974 auf dem Cosmic Label, New York, veröffentlicht.

Anschließend verließ Schlagzeuger Giger für mehrere Monate die Band, um als Sessionmusiker für das Jazzlabel ECM zu arbeiten und eine Tour mit dem Bassisten Eberhard Weber zu absolvieren. Während seiner Abwesenheit wurde er kurzzeitig von Marc Hellmann (ex-Dave Pike Set) vertreten. Zwischenzeitlich hatten Gitarrist Marron und Bassist Karwatky ihre musikalische Bandbreite und Ausdrucksformen mit der Verwendung verschiedenster Akustikinstrumente und ihr Interesse für ethnische und experimentelle Musik weiter fortentwickelt. Im Hinblick auf die Veröffentlichung eines dritten Albums hatten Produzent Hauke und ’Mastermind’ Karwatky den legendären Surrealisten der 70er Helmut Wenske (“Paintings from Innerspace“) erwählt, auch für das kommende 3. Album ELECTRIC SILENCE das Cover zu entwerfen, und dies „schlug ein wie eine Bombe“. Die Aufnahmen fanden im Oktober 1974 erneut im Dierks Studio statt. Auch Electric Silence wurde auf Bacillus veröffentlicht. ELECTRIC SILENCE ist bekannt und berühmt für seine von ethnischen Elementen geprägte außergewöhnliche Musik und sein extrem psychedelisch, surrealistisches Cover. Dzyan perfektionierten ihre Musik noch mehr in Richtung Improvisation, elektronische Soundexperimente, polyrhythmisch treibende Grooves und raffinierte exotische Klänge und katapultierten die Band in einen faszinierenden mystischen Sound-Kosmos. ELECTRIC SILENCE hebt ab in “überirdische“ Klangwelten von unglaublicher Schönheit und Eigenart, eintauchend in die ursprüngliche Musik Asiens, zu den mythischen Quellen in Sphären des archaischen Ursprungs, ein “ritueller Trip“ in sagenumwobene immaterielle Welten. Die Multi-Instrumentalisten Marron und Karwatky experimentierten auf Sitar, Saz, Tambura, Mellotron, Synthesizern, Bass-Violine und einem geheimnisumwitterten Instrument namens “Super-String“, vermischt in einem extremen Schmelztigel von Stilen, Ideen und fruchtbaren Phantasien, interacting into a “psychedelic world-groove“, während Giger, hoch konzentriert und inspiriert, mit seinem virtuosen Schlagzeugspiel für den “Zusammenhalt“ sorgt. Von dem geheimnissvollen ’Opium-den’ Trance-Soundtrack von “Kahli“ über das mehr funkig angehauchte “For Earthly Thinking“ zum heftigen “The Road Not Taken“, liefern Dzyan eines der besten und einzigartigsten Alben des Krautrocks ab. ELECTRIC SILENCE steht für sich selbst: Abenteuerliche Rhythmen und einzigartiger Jazz-Prog im Grenzbereich des experimentellen Rocks, ein Meisterwerk. Das Album wurde in den USA auf dem zwischenzeitlich eingestellten Label Passport veröffentlicht.

Ende 1974 entschließt sich Reinhard Karwatky, letztes verbliebenes ’Original-Bandmitglied’, Gründer und Namens-Inhaber von Dzyan, die Gruppe zu verlassen, womit deren offizielles Ende dokumentiert wurde. Mit dem Bassisten Günter Lenz spielten Marron und Giger als Trio “Giger-Lenz-Marron“ weiter. Das “Fusion-Trio“ veröffentlichte zwei Alben auf Gigers Nagara-Label (“Beyond”, nagara LP 1977 und “Where The Hammer Hangs“, nagara LP 1978). Ihre Musik klingt wie eine jazzigere Version von Dzyan, allerdings ohne deren Experimentierfreude und elektronischen Sounds. Eddy Marron lebt seit 1976 in den Niederlanden, wo er lange Jahre als Dozent an der Königlichen Musikhochschule Den Haag tätig war. Daneben lehrte er ab 1981 Gitarre und Jazz-Rhythmik auch an der Hochschule für Musik Köln. 1990 erschien sein Buch “Die Rhythmik-Lehre“. Bis zum heutigen Tage ist er als Gitarrist und Lehrer tätig. Peter Giger gründete 1975 sein eigenes Label “nagara-records“ und veröffentlichte sein Solo-Album “Family of Percussion“, 1977 tritt er als Solist bei den Berliner Jazztagen auf. Er gründet im selben Jahr die FAMILY OF PERCUSSION (FOP) mit Trilok Gurtu, Doug Hammond und Tom Nicholas . . . Giger gilt heute als ein Pionier der Weltmusik. Seit 2002 lebt er im Tessin (Schweiz).

Karwatky komponierte die erste deutsche Jazz-Rock-Symphony “Resurrection“ (Uraufführung: 1975, Staatstheater Darmstadt).

“Ode To Africa“, 1st World Music Symphony (Uraufführung: 1976, Staatstheater Darmstadt) mit Peter Giger und Christoph Haberer, Percussion.

Weitere Werke seines Schaffens sind “Liturgical Colours“ for Symphonic Strings and Contrabass solo, “Homage To Mahatma Gandhi“ for Symphony Orchestra and Choir, u.v.m.

Reinhard Karwatky arbeitet heute als Musikproduzent, Toningenieur, Komponist und Arrangeur.



Außerdem erhältlich:
LP Dzyan: Mandala SWF-Session 1972, LHC 87
CD Dzyan: Mandala SWF-Session 1972, LHC 88
LP Dzyan: 1. Album, LHC 80
CD Dzyan: 1. Album, LHC 89
LP Dzyan: Time Machine, LHC 91
LP Dzyan: Electric Silence. LHC 92

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Titel LP (LHC 87)

Side A
1. RESURRECTION * (Karwatky) 9:49
2. DRAGONSONG (Leuschner, Karwatky) 11:33
(Bonustrack) 3. MANDALA – TRANSMIGRATION (Karwatky) 2:08

Side B
1. STEEL’S ELECTRIC (Marron) 6:30
2. DADDY GROOVE (Karwatky, Leuschner) 8:43
3. SAZ (Marron, Karwatky, Leuschner) 8:08

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Titel CD (LHC 88)

1. RESURRECTION * (Karwatky) 09:49
2. DRAGONSONG (Leuschner, Karwatky) 11:33
(Bonustrack) 3. MANDALA – TRANSMIGRATION (Karwatky) 02:08
4. STEEL’S ELECTRIC (Marron) 06:30
5. DADDY GROOVE (Karwatky, Leuschner) 08:43
6. SAZ (Marron, Karwatky, Leuschner) 08:08
(Bonustrack) 7. CELESTIAL CITY (Karwatky) 04:23








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