Hallelujah           Hallelujah Babe       




HALLELUJAH BABE Wie alles begann und wie es endete


Also, ich war damals (1969/70) mit der Band "Missus Beastly" unterwegs. Das sagt Ihnen unter Umständen so gut wie nichts. "Missus Beastly" war eine total schräge Truppe, die stundenlang psychedelischen Rock improvisierte, wenn nur immer genügend entsprechendes Zeug in der Hausapotheke war. Und wir waren nicht nur in Westfalen eine Sensation! Wir gaben es unseren Fans jeden Abend neugeschöpft - wir wussten selbst nicht, was passieren würde und auch nicht, dass einer unsere Freunde mal aus dem Fenster springen würde, weil er glaubte, wirklich fliegen zu können. Aber das ist ein anderer Film. 
Also, nun stand ich in irgendeiner trüben Stadthalle, nur die Crew vom Licht und vom Sound waren zugegen und ein finniger Trommler aus England, der mit Hingabe sein Drum Kit aufbaute. Er gehörte zu "Amon Düül II", die bei dieser kleinen Tournee durch süddeutsche Kleinstädte schon seit über einer Woche als Headliner mit von der Partie waren. Fragen Sie mich bitte nicht, in welcher Stadt es war, wie viel Uhr oder welche Jahreszeit. Ich glaube, es war Frühling 1970.
Meine Kumpels in der Garderobe hatten gerade ihr Löschpapier verdrückt, also war es wieder mal Zeit für mich, den "Zickendraht mit Schiss vor Acid", mutterseelenallein meinen ganz privaten Soundcheck zu machen. Ich rammte meine Gibson in den Fender Showman und ließ sie zur Feier des Tages erst mal richtig jaulen, um dann elegant in Jeff Beck's "Rock My Plimsoul" überzugehen. Da stellte Keith Forsey, der englische Leihtrommler von "Amon Düül II" die Lauscher auf und stieg einfach mit ein. Auch der zweite Leih-Engländer der Gruppe, Dave Anderson, nahm seinen Bass und ließ uns nicht hängen. Ein Außenstehender hätte sicher das Gefühl gehabt, wir drei hätten wohl seit Wochen das erste Mal wieder Spaß an der Musik. Und das hatten wir.
Irgendwann beschlossen wir beide, Keith Forsey und ich, Paul Vincent, den ganzen psychedelischen Krautrockscheiß zu vergessen und ein eigenes britisches Ding zu drehen. Eine Mischung aus Jeff Beck Group, Led Zeppelin, Beatles, Cream und überhaupt... Das war unsere Welt.


Ich lebte damals in München zunächst in meiner alten Rostlaube, dem VW-Bully mit dem Aufdruck "Star Club", irgendwo an einem Baggersee. Auf jeden Fall unweit von Klara, Keiths Münchener Freundin aus dem Hasenbergl. Zu Klara gingen wir nämlich immer heimlich duschen, mein Kumpel Woldy Fette, der mich von Lippe-Detmold nach München begleitet hatte, Keith, der längst bei Klara angebaut hatte, und ich. 
Ich hatte damals meine ersten Studio-Gigs und traf bei einem Werbejingle für Lord Extra eine völlig durchgeknallte Sängerin wieder, die ich viele, viele Monde zuvor bei einem Kurzbesuch doch etwas näher kennen gelernt hatte.
Sie hieß Mono und hatte immer noch dieselbe Vierzimmer-Altbauwohnung in der berühmten Hildegardstraße 11, in der damals allerlei Musiker herumhingen, wie z. B. die Improved Sound Limited, Drosselbart, Udo Lindenberg, um nur einige zu nennen - und, die dauernd Monos Kühlschrank leer fraßen, während sie in der Oper brav für alle das Geld verdiente. 
Bei Mono kam ich zunächst im Kinderzimmer unter, was sich letztlich als Segen für mich und den kleinen Oli erwies. Hier hatten wir beide es gemütlich, wenn uns das Krautrock- und Underground-Gesülze auf dem Plattenteller im Wohnzimmer tierisch auf den Sack ging. Oli und ich hörten dann zusammen Pumuckl.
Es war ein Glücksfall, dass Mono viel Platz und ein gut gestimmtes Klavier im Wohnzimmer stehen hatte. Keith und ich konnten uns dort - bei guter Verpflegung - breit machen und unser erstes LP-Konzept erstellen. Als es fertig war, teilte ich Mono kurzerhand mit, dass ich jetzt unbedingt und sofort nach England gehen müsse, denn wir hatten dank Keiths Vermittlung einen Vertrag mit Ambassador Music in Soho in Aussicht und die Zusage, bei Gefallen unserer LP, in einem Londoner Studio aufnehmen zu können. Wow!

Muss ich noch mehr sagen? Ein Traum ging in Erfüllung, ich der pickelige Oberschüler aus Lippe-Detmold, durfte ab sofort mit den ganz großen Hunden pinkeln. Keith und ich ließen die schwangere Klara und Mono samt Oli zurück. Ganz bestimmt würden wir bald wiederkommen. Ich jedenfalls ließ einen Satz Socken und ein T-Shirt zurück. Dies war so etwas wie ein Versprechen.
Ambassador Music, unser Londoner Produzent, besorgte uns zwei ganz hervorragende Musiker, den Keyboarder Pete Wood und den Bassisten Rick Kemp, damit sie mit Keith am Schlagzeug und mir an der Gitarre zusammen unsere Songs einspielten. 
Übrigens, Pete Wood hat in den folgenden Jahren mit Al Stewart ("Year Of The Cat") eine kleine Weltkarriere gemacht. Und auch der gute Rick Kemp brachte es zumindest auf den britischen Inseln zu einigem Ansehen mit seiner Gruppe "Steeleye Span". Der Sound-Engineer, der uns vier in einem kleinen, aber feinen Hinterhof-Studio im Londoner Stadtteil Dalston aufnahm, war ein gewisser Robin Sylvester. Seinen Namen fand ich später auf etlichen Platten von "Jethro Tull" wieder, tja so klein ist die Welt ... 
Gemischt wurde unsere LP aber in einem der feinsten Londoner Etablissements, dem Trident Studio, wo eben zu jener Zeit so illustre Leute wie George Harrison ein- und ausgingen. Stellen Sie sich vor, Sie öffnen aus Versehen eine Studiotür und stehen zufällig Marc Bolan, einem der Götter, die Sie immer schon mal treffen wollten, gegenüber: "Oh sorry, wrong door!" "No problem!" Und alles ist ganz normal. Vorne am Tresen trinken Sie Ihre Cola mit den hochkarätigsten Musikern, so, als wären es die netten Typen aus der Parallelklasse. Und dein Englisch ist so gut, dass dich keiner für einen Kraut hält, Gott-sei-Dank, sondern für einen Australier oder Südafrikaner. Bingo. Keine dummen Naziwitze mehr, sondern: Die Zigarre geht rum und es heißt nur noch "Peace and Power to the Monkeys". Und dann, ein paar Wochen später, hatten wir endlich die gemischten Bänder und mussten zurück nach Germanien.


Die Plattenfirma Metronome in Hamburg mochte unser Band, erwies sich als großzügiger Verein und versprach uns als Band für die Live-Promo, also unsere Band-Gigs, jede Art der Unterstützung. Allerdings mussten sie die gesamte Kohle erst einmal an Ambassador Music in London überweisen, denn die waren ja die offiziellen Vertragspartner.
Und wie das so geht: Wenn wir anriefen, um endlich die ausgemachte Kohle für unseren Bandbus und unsere neue PA-Anlage abzurufen, war der Verantwortliche in London zuerst immer gerade in einem Meeting, dann war der gute Mann verreist, dann würde er uns bestimmt gleich am Montagmorgen anrufen - und dann gab es ihn plötzlich nicht mehr.
Und die Dame im Vorzimmer kannte auf einmal nicht mehr unsere Namen und schon gar nicht unsere LP. "So sorry!"
Wir suchten verzweifelt eine Band in München, um den Act wenigstens live zum Laufen zu bringen, aber es klappte einfach nicht. All die halbwegs guten Musiker wollten sofort Kohle. Kohle, die wir aber nicht hatten. In unserer Verzweiflung spielten wir in einem der angesagtesten Underground-Läden, dem Crash, zwei Abende lang ein halbstündiges Programm vor interessiertem Publikum, eine einsame Gitarre und ein wütendes Schlagzeug, zweistimmig. Ein Schwanengesang und sehr untergründig. Es sollte nicht sein. Hallelujah Babe starb einen stillen, unspektakulären Tod. 




Klara hatte inzwischen ihre Zwillinge bekommen, und Keith trug sich mit dem Gedanken, sie vielleicht doch noch zu heiraten. Aber Klara nahm das nicht all zu ernst. Sie tat gut daran. Keith spielte noch ein paar Jährchen zusammen mit mir eine große Rolle in der Münchner Studioszene, wo wir als angesagte Rhythmusgruppe recht viel Geld verdienten. Trotzdem war uns oft zum Heulen. Wir spielten die Musik der anderen. Und wussten es doch oft so viel besser.
Als sich während des Disco-Fiebers für uns Münchner Musiker die Gelegenheit bot, im Gefolge von Giorgio Moroder nach L.A. zu gehen, schwirrte Keith ab und machte in Amerika tatsächlich auch satt Karriere. Er hörte auf Schlagzeug zu spielen, was eine Sünde ist, schrieb mit Irene Cara zusammen den Text von "Flashdance/What A Feeling", produzierte Billy Idol, Icehouse und machte auch ein paar Titel mit den Jungs von Simple Minds. Aber irgendwann verloren sich seine Spuren im Schnee von Los Angeles und New York.

Ich aber mochte Disco nicht allzu sehr und blieb lieber in München bei Frau und Kind, begann nebenbei Kammermusik zu schreiben und nahm als Solist ein paar gut konzipierte LPs auf, darunter sogar eine mit deutschen Texten.
1973 "Makin´ Our Own Sweet Music"
1975 "Vincents Fliegender Rock & Roll Zirkus"
1981 "Sternreiter"

Und die Rache der Götter: Ich spielte, arrangierte und co-produzierte von 1975 bis 1980 mehrere Alben und Tourneen für Udo Lindenberg, was ich anfangs noch ganz toll fand, endlich große Hallen, lange Tourneen, endlose Aufnahme-Sessions, aber gegen Ende einfach nicht mehr aushielt. 
28 Jahre lang (von 1975 bis 2003) komponierte, produzierte und spielte ich für und mit dem schwäbischen Bluesbarden Wolle Kriwanek und stelle ihm eine Band auf die Beine, die sich deutschlandweit sehen und hören lassen konnte. Leider starb mein Freund Wolle ganz überraschend Ostern 2003. 
Seit 1979 schreibe ich Filmmusik und habe recht großen Erfolg damit: Der Deutsche Filmpreis 2001 in der Sparte Filmmusik brach über mich herein!

Jetzt mit Fünfzig Plus X starte ich noch einmal durch. Diesmal soll es laut werden: "Vincent Rocks" heißt der neue Wahnsinn, da gibt's was auf die Zwölf. Versprochen.


Die Kinder sind groß, die Frau ist weise geworden, also geh ich noch mal die Sonne putzen. 
Bis demnächst ...


Paul Vincent, Mai 2003


www.paulvincent.de




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Z. i. p.
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Mini Funk
Waterloo
Friend
Ode To A Little Knight
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