Kollektiv          
Album 1973                    


Im März 1973 spielten Kollektiv mit Conny Plank als Co-Produzent und Toningenieur für das legendäre Brain-Metronome-Label ihr erstes Album ein. Von Progressiv- und Krautrockfans sowie Kritikern gleichermaßen begeistert aufgenommen, bot das Album eine weitere, neue Spielart innovativer, zeitgenössischer deutscher Rockmusik, die mit einer Nominierung für den deutschen Schallplattenpreis gewürdigt wurde. Kollektiv präsentieren auf ihrem ersten Album einen unvergleichbaren, unverwechselbaren Sound mit Anklängen an die Musik von Organisation und den frühen Kraftwerk, spacig und trotzdem melodisch, abgehoben aber auch rockig, innovativ im besten Sinne progressiv, konsequent in der Ausführung der Absicht, musikalisches Neuland zu betreten, ohne die Wurzeln zu verleugnen. Die Musiker selbst legten keinen großen Wert darauf, eine „schubladengerechte“ Musik anzubieten; vielmehr spielten sie mit der Intention vieler Musikkritiker und -hörer, die jeweilige Musik in ein bestimmtes Genre einzuordnen, indem sie den Besitzern des Albums die Möglichkeit gaben, durch Verschiebung der einzelnen „Einlegschnipseln“ auf der Innenseite des aufklappbaren Albums, die Musikart selbst zu bestimmen. Dabei entstehen so absurde Bezeichnungen wie Rozz-Pack, Pack-Jack, aber auch Pop-Rock und Jazz-Pop...

Die Musiker kommentierten die Aufnahmen auf dem Innencover des Albums: Rambo Zambo Aus den Klangkaskaden der an ein Echogerät angeschlossenen Flöte entsteht eine rockige Improvisation. Baldrian Das stimmungsvollste Stück der Platte. Jürgen spielt hier auf einem 56-saitigen Instrument, das er aus einer Zither und den Resten einer Gitarre baute. Försterlied Unser Beitrag zum Thema Jazz und Lyrik. Mit einem Text von Robert Gernhardt. Schön kaputt. Gageg Ausgangspunkt war eine Melodie aus den Tönen g-a-g-e-g. Daraus entwickelte sich ein dreiteiliges Stück mit den Sätzen: Andante, Allegro, Preßluft. Das vielseitigste Stück der Platte.

Ein Blick auf die Entstehungsgeschichte der Band und die musikalischen Wurzeln der Musiker hilft, das musikalische Selbstverständnis von Kollektiv nachvollziehen und einordnen zu können.

Waldo Karpenkiel erinnert sich: „Beeinflusst von der aus England kommenden Beatmusik spielten wir ab 1964 in der Schülerband The Generals: mein Zwillingsbruder Jogi Karpenkiel am Bass, Jürgen Havix spielte Gitarre und ich war der Schlagzeuger. Allmählich wurden wir der Beatmusik überdrüssig und hörten uns die ersten Platten von Frank Zappa, Blodwyn Pig oder King Crimson an. Auch Jazzer wie Jimmy Smith, Wes Montgomery oder Cannonball Adderly interessierten uns. Jogi experimentierte dann mit den Phantoms, einer weiteren Krefelder Band, in der u. a. Ralf Hütter Orgel und Klaus Dapper, der aus Duisburg stammte, Flöte und Saxophon spielten. Jogi kehrte dann 1968 zu den Generals zurück. Wir überlegten, ob wir nicht mit einem Bläser zusammenarbeiten sollten und nahmen Kontakt zu Klaus Dapper auf. Ralf Hütter hatte zwischenzeitlich Organisation gegründet, die Vorläuferband zu Kraftwerk. 

Aus den Generals und Klaus Dapper wurden 1970 Kollektiv. Unsere Maxime lautete: Alles ist erlaubt! Musik als Experiment! Effektgeräte, teilweise selbstgebaut, werden benutzt; eine Zither, elektrisch verstärkt, wird mit Schlegeln bedient, der Bass mit dem Bogen gestrichen. Donnerbleche und rotierende Metallscheiben werden eingesetzt; ebenfalls allerlei exotisches Instrumentarium oder auch artfremdes Gerät. Die Musikstücke bestehen aus Minimalthemen, über die häufig 10, 15 Minuten oder noch ausgiebiger improvisiert wird. 1971 waren wir dann soweit, dass wir auf Tour gehen konnten. Das erste Konzert findet im 400 km entfernten Wilhelmshaven statt. Am letzten Tag vor der Tour kauften wir in aller Eile für DM 400,00 einen VW-Bus. Er trägt die Aufschrift Campari-Bitter und erweist uns jahrelang treue Dienste. 

Wir sind in fast allen einschlägigen Musikclubs aufgetreten, auf Unifesten ebenso wie auf kleinen und großen Festivals. Häufig spielten wir mit Sweet Smoke, mit denen wir uns angefreundet hatten. Durch die intensiven Proben und die häufigen Auftritte motiviert, dachten wir über die Veröffentlichung einer LP nach. Mein Bruder Jogi fuhr zu Conny Plank nach Hamburg, um uns dort vorzustellen. Im März 1973 kam es dann zu den Aufnahmen, die auf der Brain LP veröffentlicht wurden. Wir bewarben uns anschließend mit einer Demokassette beim SWF, der uns dann zu Aufnahmen einlud (Kollektiv, SWF-Sessions, Vol. 5, Long Hair, LHC 05). Der erste Bruch in der Band erfolgte 1975. Mein Bruder Jogi wechselte zu Guru Guru, wo er bis ca. 1979 den Bass spielte. Auch Klaus Dapper verabschiedete sich von der Band. 1976 spielten Waldo und Jürgen mit dem Organisten/Pianisten Klaus Hackspiel eine Reihe von Konzerten (u. a. im legendären Club Onkel Pö in Hamburg und auf dem Asta-Fest der FH Krefeld), deren Höhepunkte auf einer demnächst bei Long Hair erscheinenden CD zu hören sein werden. 

Nach dem auch diese Besetzung sich aufgelöste, fand Waldo neue Mitstreiter in Axel Zinowski (Gitarre), Georg Funke (Bass) und Christoph (Elektropiano). In dieser Formation wurden die der CD hinzugefügten Bonus Tracks, aufgenommen im Proberaum der Band, eingespielt. Zwischenzeitlich hatte auch Volkmar Hahn (Geige) von der Mainzer Band Unterrock, der schon Klaus Dapper während dessen examensbedingter Bandpause vertreten hatte, ausgeholfen. Leider hat aus dieser Zeit nur noch das kurze „Intro“ tontechnisch überlebt. Weitere Infos zu Kollektiv gibt es im Booklet der bereits genannten Kollektiv-CD mit SWF-Aufnahmen und der ebenfalls auf Long Hair erschienenen CD Kollektiv Live 1973, LHC 40. 


Manfred Steinheuer, November 2007

 

01. RAMBO ZAMBO 11:40
02. BALDRIAN 07:05
03. FÖRSTERLIED 01:50
04. GAGEG         
a. ANDANTE 05:11
b. ALLEGRO 03:39
c. PRESSLUFT 11:07
 
Bonustrack
05. INTRO 02:23
 Bonustrack 06. PULL MOLL 07:16 
 Bonustrack 07. PAP-JACK 13:17
 Bonustrack 08. ROZZ-POP 05:34




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