Mammut     LP originally released 1971        




// MAMMUT //

Die Kenner und Liebhaber des Krautrocks sind sich beim – leider einzigen – Album von „Mammut“ einig: Es ist ein Kultalbum mit legendärem Status und eine absolute Rarität. Für ein gut erhaltenes Exemplar muss man bis zu 1.000 EUR auf den Tisch legen, wenn denn mal die Möglichkeit besteht, ein solches zu erwerben. Mit der vorliegenden CD ist das Album (+ ein Bonus Track) nun auch für einen größeren Fankreis erschwinglich. 

Für die Entstehung des Albums sind im Wesentlichen drei Umstände verantwortlich: Eine lebendige lokale Musikszene im südlichen Schwarzwald, ein kreativer, engagierter Toningenieur/Produzent und die renommierte in Villingen ansässige Tonträgerfirma MPS mit eigenen Aufnahmestudios. Villingen und Donaueschingen, beide im Südwesten Deutschlands gelegen, sind berühmt für ihre Jazz-Festivals (Villingen) und „Tage der neuen Musik“ (Donaueschinger Musiktage): Herausragende Beispiele dafür, dass nicht nur in den Metropolen, sondern auch in der Provinz musikalisches und organisatorisches Engagement auf höchstem Niveau geleistet wurde. Das in Villingen ansässige Label MPS wurde später über BASF vertrieben und hatte Spitzenjazzer in seinem Repertoire (z.B. Oscar Peterson, Erroll Garner, Dave Pike, Wolfgang Dauner, Volker Kriegel u.v.m.), die ohne Zeitdruck in der relaxten Umgebung des Schwarzwaldes in den MPS Studios aufnahmen. Viele Produktionen wurden von Aki Kienzler begleitet, der auch an den Aufnahmegeräten als Toningenieur tätig war. 

Infiziert von der Ende der 60er-Jahre auch in Deutschland angekommenen musikalischen Aufbruchstimmung und der daraus folgenden vielfältigen musikalischen Ausdrucksformen der Pop- und Rockmusik mochte sich Aki Kienzler nicht mehr auf die Produktion von Jazzmusik beschränken, sondern selbst Teil der neuen musikalischen Musikbewegung sein. Leider stieß er bei MPS mit seiner Absicht deutsche Rockmusik zu veröffentlichen auf taube Ohren. Allerdings erklärten sich die Verantwortlichen bereit, ihm für seine Arbeit das Aufnahmestudio zur Verfügung zu stellen. Kienzler nannte sein Label Mouse Trick Track Music, für das er allein wirtschaftlich und finanziell verantwortlich zeichnete. Allerdings konnte er die Vertriebswege von MPS nutzen. 

1969 und 1970 versuchten sich lokale Bands und Musiker unter der Leitung von Aki Kienzler an der Entwicklung zeitgenössischer Rockmusik. In endlosen Nachtsessions wurden in Partyatmosphäre neue Musikstücke und Klänge entwickelt. Es herrschte größtmögliche musikalische Freiheit und jeder Musiker war eingeladen, seine Ideen einzubringen. Kienzler war als Kopf dieser Unternehmungen nicht nur auf die Tätigkeit des Aufnehmens beschränkt, sondern wegen seiner technischen und musikalischen Fähigkeiten wesentlicher Teil der Musikprojekte. Folge dieser Aufnahmen war die Veröffentlichung zweier LPs, wobei die erste unter dem Titel „Under Party Ground“ die Aufnahmen verschiedener lokaler Gruppen zusammenfasste und eigenes aber auch gängiges Musikmaterial wiedergab. 

Für die Entstehung von Mammut ereignete sich Entscheidendes als während der Produktion des Titels „Dä Du Dä“ von „The Rope Sect“ sowohl deren Gitarrist Klaus Schnur als auch Aki Kienzler das Potenzial dieses Titels und der Musiker erkannten und beide von der Idee beseelt waren, im Stile dieses Songs ein Album aufzunehmen. „Dä Du Dä“ war also Vorläufer des kommenden großen „Mammutprojektes“. Grund genug, den Titel als Bonus Track mit auf diese CD zu nehmen. 

Die Brüder Klaus und Peter Schnur - beide Gitarristen - suchten nun Mitmusiker, die ihre Idee eines musikalischen Konzeptes verwirklichen wollten und konnten. Ihre Idee war, verschiedene musikalische Stile zu vereinen und so einen neuen Musikstil zu prägen. Dabei waren sie sowohl von dem Album „Deep Purple in Rock“ aber auch von orientalischen Klängen und Folkmelodien bestimmt. Inhaltliches Thema war die grundsätzliche Situation von Musikern und damit verbundene Schwierigkeiten und Unzulänglichkeiten auszudrücken, ihren Weltschmerz und die Angst, Demütigungen zu erleiden („Hungerkünstler“). Außerdem wollten sie ihrem Protest gegen militärischen Wahnsinn und ihrer Forderung nach Frieden musikalisch Ausdruck verleihen. Davon angetrieben schufen „Mammut“ ein wahres „Mammutalbum“ des Krautrocks, verschmolzen heftige Trommelwirbel mit verzerrten Gitarren, ließen leichte Klassikeinflüsse zu, verbanden diese mit düsteren und eruptiven Orgelklängen, wobei im Hintergrund akustische Gitarren erklangen und schufen damit eine innovative, explosive Mischung, die auch nach fast 40 Jahren nichts von ihrer Wirkung eingebüßt hat und nach wie vor fasziniert und hypnotisiert.

Manfred Steinheuer, März 2009

 


Die Mammut-Story
von Rainer Hofmann

Für mich begann die Geschichte am 1. August 1970. Ich war in Villingen auf Heimaturlaub vom Bund und traf meinen langjährigen Freund Klaus „Ede“ Schnur in der Stadt. Er erzählte mir, dass er und ein paar Kumpels eine LP mit Eigenkompositionen aufnehmen würden. Ob ich Lust hätte, mitzumachen? Natürlich hatte ich. So ging ich also am Tag darauf ins MPS-Studio. Jazzfreunde werden dieses Studio gut kennen. MPS stand für „Musik Produktion Schwarzwald“. Größen wie Oscar Peterson nahmen dort unter der Regie von Studiochef Hans-Georg Brunner-Schwer ihre legendären LPs auf. Doch es war Urlaubszeit, das Studio hatte offiziell geschlossen. Alfred „Aki“ Kienzler, der Neffe des Chefs, durfte zwei Wochen Studioboss spielen. Aki hatte ein Faible für die heimische Rock-Szene. Schon im Jahr zuvor hatte er unter dem Titel „Under Party Ground“ einen Sampler mit Villinger Bands aufgenommen.

Und nun also „Mammut“. „Mammut“, das war eine Gruppe von befreundeten Musikern, die alle schon in verschiedenen Besetzungen miteinander gespielt hatten. Mit dabei waren die Brüder Klaus und Peter Schnur sowie Tilo Herrmann, Günther Saier und ich. Doch die Band bestand in dieser Besetzung nur während der Studioproduktion, also gerade mal für gut zwei Wochen. Auch die Stücke der LP entstanden alle erst im Studio. 

Meistens lief das so: Ede, der musikalische Kopf der Gruppe, kam morgens (das heißt, so gegen 11 Uhr) mit zwei Gitarrenakkorden (manchmal waren es auch mehr) ins Studio und meinte, das wäre das nächste Stück. Natürlich hatte jeder dazu seine eigenen Ideen und am Abend war dann aus den Akkorden tatsächlich ein Stück geworden. Fehlte nur noch der Gesang. Ede setzte sich mit einem englischen Wörterbuch in eine ruhige Studioecke. Und während wir anderen in der guten Schwarzwaldluft den Kopf lüfteten, dichtete Ede seine Texte. Oft graute schon der Sommermorgen, wenn Ede, Peter und Tilo die Vocals aufnahmen.

Die technischen Möglichkeiten dazu waren aus heutiger Sicht bescheiden: Die Mehrspurmaschine (natürlich analog) hatte nur sechs Spuren. Die Zahl der Overdubs war also begrenzt. Und doch lag in der technischen Beschränkung eine reizvolle Herausforderung. Wir nahmen vieles quasi live auf: Der lange Titel „Mammut Opera“ wurde nach einem Probedurchlauf in zwei Teilen (den Schnitt dazwischen hört man gut) live eingespielt. Nur der Gesang wurde nachträglich darüber gelegt. Die Stelle im „Shizoyd Mammut“ mit den beiden gegenläufigen Tempi nahmen wir ebenfalls live auf. Peter Schnur spielte dabei den Dirigenten.

Peter war es auch, der der Band ihren Namen gab. Er hörte damals auf den Spitznamen „Mammut“. Und wer sich über die eigenwilligen Titel der Stücke wundert, dem sei gesagt, dass es eigentlich nur Arbeitstitel waren, irgendwelche aus dem Augenblick geborenen Begriffe mit dem Bandnamen verknüpft. So war zum Beispiel am Ende einer Aufnahme einer von uns mit dem Heinz-Erhardt-Fluch „Himmel, Gesäß und Nähgarn“ zu hören - schon hieß der Titel „Nähgarn Mammut“. Dass die Arbeitstitel später den Weg auf die fertige LP fanden, gehört zu den vielen Eigenarten der „Mammut“-Produktion. Ausgefallen mag auch die Idee von Aki erscheinen, die ganzen Stücke mit einer Art Soundtrack zu unterlegen. Die Aufnahmen dazu entstanden zum großen Teil bei einer Studioparty, die wir am 15. August mit zahlreichen Freunden feierten. Damit endete für uns Musiker die Produktion und die Gruppe „Mammut“ war Geschichte. Eine ganze LP in zwei Wochen - mit viel Improvisation und Motivation geht das tatsächlich.

Unser Dank gilt Aki, der immer offen war für ausgeflippte Ideen. Danke auch für die Möglichkeit, überhaupt eine Platte aufzunehmen - das war anno 1971 noch etwas Besonderes. Heimstudios mit MIDI-Sequencer, Sampler und Digitaleffekten gab‘s damals noch nicht. Alles war handmade.


...von Tilo Herrmann

Hier kommt nun meine Geschichte zu „Mammut“. Für die Richtigkeit der Daten kann ich keine Garantie geben. Es ist alles sehr lange her....

Mein Freund Dietrich Danksin (Gitarre) und ich (Bass) trafen erstmals am 01.04.1969 Rainer Hofmann (Piano, Orgel) und Schlagzeuger Volker Hirt. Wir beschlossen eine Band zu gründen und nannten sie „Those“. Zusammen mit noch anderen Bands aus Villingen nahmen wir unter der Leitung von Aki Kienzler in den MPS-Studios die LP „Under Party Ground” auf. Neben unserer Band „Those“ waren noch „The Rope Sect“, „The Be Nice“ und „The First Decision“ (bei dieser Band stieg ich später für eine kurze Zeit ein) dabei. „Those“ war mit zwei Titeln vertreten: „King Bill“ und „Starship Orion“. Bei „Starship Orion“ handelt es sich um die Titelmelodie der deutschen Science Fiction-Serie „Raumschiff Orion“. Bei diesem Titel half Eva Karl mit Hintergrundgesang aus. „The Rope Sect“, mit Klaus Schnur, Dieter Hahne und Peter Motel waren mit dem außergewöhnlichen Titel „Dä Du Dä“ vertreten. Die Übersetzung von „Schnur“ ins englische lautet „Rope“ und so erklärt sich auch der Name „The Rope Sect“. 

Ein Jahr nach Ihrer Gründung lösten sich „Those“ auf und wurden1970/71 mit der Sängerin Eva Karl, dem Schlagzeuger Günther Saier, Rainer Hofmann (Keyboards, Gitarre, Gesang) und mir (Bass und Gesang) neu gegründet. Zusammen mit „The Rope Sect“ spielten „Those“ bei einigen Multimediaaufführungen mit Musik, Gedichten und bei der Eröffnung einer Bilderausstellung. 

Im Sommer ’71 sprach Klaus Schnur Rainer Hofmann an, zwecks einer Zusammenarbeit für ein neues Album, das wiederum von Aki Kienzler initiiert worden war. Rainer fragte mich, ob ich ebenfalls mitmachen wolle und mit Günther Saier am Schlagzeug und Peter Schnur, dem Bruder von Klaus Schnur, war die Band komplett. Der Spitzname von Peter war „Mammut“, so dass sich auch die Herkunft des Bandnamens erklärt. „Mammut“ existierte nur für die zwei Wochen, die wir mit der Studioarbeit beschäftigt waren. Von morgens bis zum frühen Nachmittag wurden Ideen für die Songs gesammelt, am späten Nachmittag und auch manchmal nachts wurden die Titel arrangiert, geprobt und dann aufgenommen. Nachdem die Aufnahmen erledigt waren, ging jeder seiner Wege, beendete die Schule oder die Wehrdienstzeit. Da einige anschließend ein Studium begannen, führte das dazu, dass wir uns in verschiedene Städte „verstreuten“. „The Rope Sect“ und „Those“ gaben gemeinsam ein Abschiedskonzert. 1972 spielte „Those“ nochmals auf der Fete des örtlichen Gymnasiums in Villingen. 

Da Klaus Schnur und ich für eine Zeit in Ludwigsburg lebten und Rainer Hofmann in Stuttgart studierte, haben wir häufig gejamt. Im örtlichen Jazzclub spielten wir noch einmal mit „Those“, wobei Klaus Schnur sowie eine Sängerin als „special guests“ auftraten. 

Heute lebt Klaus Schnur in Villingen. Er gibt Gitarrenunterricht und spielt in seiner Bluesband „Ede’s Blues Gang“ und in der Coverband „Cock’s Combo“. Peter Schnur lebt in Schwenningen (nun vereint mit Villingen als Villingen-Schwenningen) und spielt in zwei Bands. Günther Saier lebt ebenfalls in Villingen und spielt in einem Jazz-Quartett. Rainer Hofmann arbeitet für den SWR in Stuttgart. Musik macht er nicht mehr, beschäftigt sich aber mit Filmen. Ich lebe in Backnang und arbeite als Lehrer an der örtlichen Musikschule für Kinder und Jugendliche. Seit damals habe ich in vielen verschiedenen Bands gespielt. Seid versichert, dass wir sehr viel Spaß hatten, es war eine interessante Zeit mit neuer Musik, einer kleinen Revolution und neuen Lebensgewohnheiten.




Mammut LP

Side 1
Bird Mammut 04:03
Classical Mammut 01:20
Mammut Ecstasy 04:29
Footmachine Mammut 03:09
Short Mammut 01:45
Shizoyd Mammut 03:22
Bonus Track
Dä Du Dä by The Rope Sect 04:53

Side 2
Nähgarn Mammut 07:00
Mammut Opera 13:40





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