Nosferatu           Nosferatu                   




Nosferatu


Das einzige Album der Frankfurter Band ist ein Highlight des frühen Krautrocks. 1970 auf „Deutsche Vogue“ erschienen, ist es auch heute noch ein lebendiges Zeitzeugnis der damaligen, noch in der Entstehung befindlichen, deutschen Musikszene, die sich stetig von ihren anglo-amerikanischen Vorbildern löste und einen eigenständigen Sound hervorbrachte, den die Engländer zunächst etwas abschätzig Krautrock nannten, der aber im Verlauf der Zeit zum Gütesiegel avancierte. 

In den Jahren 1964-67 gab es in Frankfurt, wie anderorts in Deutschland auch, den Durchbruch der Beat- und Rock-Musik. In jeder Mehrzweck-, Turn- und Gemeindehalle, in Jugendheimen und den ersten Rockclubs spielten Bands. Von ‘Casey Jones and the Governors’ bis zu ‘The Lords’, ‘The Pretty Things’ und Alexis Korner, ‘Them’ mit Van Morrison und Arthur Brown (Fire) - diese und viele andere traten auf und wurden begeistert gefeiert. Auch Soul-Größen wie Sam & Dave, Otis Redding - sogar James Brown machten vor Publikum Fernsehaufzeichnungen im Officersclub U.S. HQ Europe in Frankfurt. 

In diesem Klima schossen Schüler- und Amateurbands aus dem Boden bzw. formierten sich in Jugendzimmern und Übungskellern. Das riesige Interesse bei den Jugendlichen rief auch junge Veranstalter auf den Plan, die mit lokalen Bands Konzerte organisierten. Besonders beliebt waren, da keine oder wenig Gage bezahlt wurde, die sogenannten Beat-Wettbewerbe, bei denen die Sieger-Band durch das Publikum gewählt wurde. 

So wenig lukrativ diese Veranstaltungen für die Musiker auch waren – immerhin entstanden Fan-Clubs und manchmal folgte ein Auftritt bei einem Schulfest – umso stärker war die Motivation hieraus, eigene und originäre Musik zu schreiben, Bühnenshow, musikalisches Handwerk und erste Ansätze von Professionalität zu entwickeln. Ständig entstanden neue Bands, wechselten genauso häufig Namen und Besetzung, aber dadurch entwickelte sich eine lebendige Musikszene im Rhein-Main-Gebiet, die über lange Jahre kreativ Musik produzierte. 
Eine der Bands mit sehr eigenem Konzept war ‘Nosferatu’, deren Name weniger auf Vampire als viel mehr auf den filmischen Expressionismus der 1930er Jahre verweisen sollte. Ein 2. Platz bei einem der erwähnten Beat-Wettbewerbe (organisiert von Peter Hauke) brachte den Plattenvertrag, der zum vorliegenden Album führte. 

Der Kölner Musikproduzent Tony Hendrik, der als Gast des Beat-Wettbewerbs die Band hörte, war derart begeistert, dass er sie sofort unter Vertrag nahm. Seine Anmerkungen auf der Albumcover-Innenseite belegen seine außerordentliche Wertschätzung der Band:

Nosferatu: Das ist der superheftige Sound unserer Tage. 
Ich hörte sie zum ersten Mal, als sie mit mehreren, ebenfalls von Peter Hauke gemanagten Bands, aufspielten. Der beeindruckende Ideenreichtum und der unwiderstehliche “drive” ihrer Musik begeisterten mich dermaßen, dass ich die Band sofort für die „Deutsche Vogue“ unter Vertrag nahm und das vorliegende Album wenige Wochen später produzierte. Eine Beschreibung Ihrer Musik – alles Eigenkompositionen – erspare ich mir: Einfach anhören und „abfahren“, wie ich und Toningenieur Conny , als wir den ersten Schritt dieser hoch talentierten, jungen deutschen Band ‘Nosferatu’ ins Schallplattengeschäft im Studio aufnahmen. 

Nach dem die Platte erschienen war, folgten deutschlandweite Auftritte, z.B. Open-Airs in Wasserburg, Frankfurt und Kassel, als supportact für ‘Steamhammer’ und ‘Humble Pie’, doch wie viele Bands aus der Zeit schaffte es ‘Nosferatu’ letztlich nicht, auf Dauer überregional erfolgreich zu sein. 

Das Umfeld war extrem geladen, soziale Einflüsse von der Hippiebewegung, Esoterik bis zur Hausbesetzer-Szene und APO beschäftigten alle Kreativen; im Gegensatz hierzu waren Begriffe wie Management, Promotionskonzepte und kontinuierliches Arbeiten an der Band noch zu wenig verinnerlicht. Die Konkurrenz, die mittlerweile in Hitparaden, TV und Clubs auftrat, hatte kommerziellen Erfolg und legte die Messlatte für experimentellere Musik zu hoch – die Band löste sich 2 Jahre nach Erscheinen des Albums auf. 

Felke, Kessler und Thierfelder gründeten mit Gitarrist Lutz Sommer (später bei ‘Papa Zoot Band’ und ‘Beatles Revival Band’) und Georg Viel (später bei ‘Frankfurt City Blues’) anschließend die Band ‘Samia’, der allerdings auch der Erfolg versagt blieb. 

Mick Thierfelder wandte sich dem Jazz zu und spielte mit der Michael Sagmeister Band sowie im Trio „Frey, Tiepolt, Thierfelder“, bevor er sich der ‘Hired Help Band’ (Funk & Soul) anschloss. Heute arbeitet er als Designer in München.

Christian Felke spielte bei ‘Epsilon’, schaffte anschließend den Sprung zum Berufsmusiker und war an vielen musikalischen Projekten als Flötist und Saxofonist beteiligt (u. a. Klaus Lage Band, Begleitband von Rainhard Fendrich, Zöller Band, Caro usw.). Großen kommerziellen Erfolg hatte er mit den ‚Zillertaler Schürzenjägern’. Aktuell ist er in mehreren musikalischen Projekten aktiv (u.a. ‚Chilly’ und ‚Sound & Gebläse’).

Byally Braumann, Michael Kessler und Tammy Grohé verstarben leider viel zu früh.

Die Musikzeitschrift Sounds schrieb über das Album in ihrer Ausgabe November 1970: 
Eine neue deutsche Popgruppe stellt sich auf dieser Tony Hendrik-Produktion vor. Es ist eine 6-Mann-Band, die sich mit erweiterten Songformaten auseinandersetzt. Ausgeklügelte Instrumentalarrangements werden mit expressiven Gesangspassagen gekoppelt. Improvisationen des Saxofons, der Flöte, der Orgel und der Gitarre sorgen für eine Bereicherung der konventionellen Song-Konstruktion. Toningenieur Conny Plank hat seine Hand ebenfalls mit im Spiel. Mit allerlei elektronischen Verzerrern und Hallgeräten lockert er die Musik auf. Die gesamte Gruppe hat die Musik geschrieben. Sänger Michael Thierfelder die Texte. Das wichtigste Stück der LP ist das fast 11-minütige “Willie the Fox”, indem die Möglichkeiten, die in der Gruppe stecken, voll zur Geltung kommen. In “Found My Home” erinnert ‘Nosferatu’ an die englische Gruppe ‘Rare Bird’, doch soll damit keineswegs der Vorwurf der Kopie erhoben werden. 

In einem Review des Prog-Archivs heißt es:
Anders als eine Vielzahl von deutschen Bands Ende der 60er und der frühen 70er Jahre, die speziell auf einen progressiven Psychedelicrock setzten, waren ‘Nosferatu’ eher vom englischen Jazzrock und dem nordamerikanischen Rhythm-Blues inspiriert und schufen einen harten Jazzrocksound, wobei die führende Rolle der Orgel zukam. ‘Nosferatu’ unterschieden sich auch dadurch von anderen, vom berühmten Produzenten Conny Plank produzierten Bands, dass ihre musikalische „Karriere“ sehr kurz war und unter fehlender Anerkennung einer größeren Öffentlichkeit litt. Wenig ist über die Bandgeschichte bekannt, aber ihr Album klingt frisch, enthusiastisch , ist ein atypisches jazzy klingendes Rockalbum, beherrscht von rauen, aggressiven Gitarrenklängen und progressiven „Folk-Arrangements“, welche dem Album insgesamt eine dunkle und „triphafte“ Ausstrahlung geben. Bemerkenswert ist, dass die dynamische Rhythmusgruppe weit nach vorne gemischt wurde. Zwar versprühen Saxofon/Flöte und Gitarre in vielen Passagen sehr effektive Farbtupfer, aber letztlich behält die Rhythmusgruppe die Kontrolle. Michael Thierfelders Gesangsstil passt sehr gut zum Gruppensound und klingt wie eine Mischung aus Jack Bruce und Chris Farlowe.

Der erste Titel “Highway” ist ein relativ eingängiger Song in der Art „James Brown-trifft-Cream“. Vielleicht noch mit einem kleinen “touch” der frühen ‘The Nice’. Die beiden folgenden Stücke sind besonders hinsichtlich ihres Arrangements und ihrer Länge bemerkenswert. In der Tat, “Willie The Fox” und “Found my Home” sind tolle Beispiele dafür, wie die Wurzeln von Rhythm and Blues, Funk und Jazzrock sich mit der rauhen Spannung des Psychedelicrocks verbinden. Die „Ausflüge“ von Orgel, Gitarre und Saxofon sind Belege für die musikalische Freiheit, die sich die Musiker leisten, ohne die durch die Rhythmusgruppe vorgegebene Basis zu verlassen. Besonders der Mittelteil von “Willie The Fox” enthält höchst spannende Momente, wohin gegen “Found My Home” sich eher in Richtung Jazz orientiert. Obwohl gerade das Flötenspiel bei “Found my Home” dominiert, ist es doch die Gitarre, die die Aufmerksamkeit des Hörers auf sich zieht im vielleicht besten Titel des Albums. Titel 4 nennt sich “No. 4” und ist ein besonderes Beispiel des psychedelischen Progressivrocks: Das urwüchsige, feierliche Schlagzeugspiel zu Beginn verschmilzt mit bizarren „Einsprengseln“ des Klaviers, an die sich eine Mischung aus Jazzrock und frühen Symphonik-Progressivrock anschließt. Dieser tolle Titel zeigt ‘Nosferatu’ in ihren bizarrsten Momenten. Die letzten beiden Titel führen wieder zurück zum Rhythm and Blues, wobei “Vanity Fair” zusätzlich noch einige afrikanisch-lateinamerika-nische Elemente enthält und das sehr gute Album zu einem mitreißenden Abschluss führt.

Mick Thierfelder, Manfred Steinheuer, April 2010


Special thanks to Mick Thierfelder, Christian Felke, Michael Meixner.
This album is dedicated to the memory of Tammy Grohé, Byally Braumann and Michael Kessler (R. I. P.).




Nosferatu - Nosferatu 1970

Side 1
Highway (Nosferatu/M. Thierfelder) Belmont 4’16’’
Willie The Fox (Nosferatu/M. Thierfelder) Pop-Po 9’20’’
Found My Home (Nosferatu/M. Thierfelder) Pop-Po 8’40’’

Side 2
No. 4 Nosferatu/M. Thierfelder) Belmont 8’52’’
Work Day (Nosferatu/M. Thierfelder) 6’55’’
Pop-Po Vanity Fair (Nosferatu/M. Thierfelder) Belmont 6’48’’


MICHAEL “MICK” THIERFELDER, vocal
CHRISTIAN FELKE, sax. + flute
MICHAEL “MIKE” KESSLER, bass-guitar
REINHARD “TAMMY” GROHé, organ
MICHAEL “XNER” MEIXNER, lead-guitar
BYALLY BRAUMANN, drums




zurück zu
AMOS KEY



zurück zur
RELEASES-ÜBERSICHT