Violence Fog/Jerusalem        SWF-Session Vol. 6       




Während die bisherigen CD-Veröffentlichungen aus der Reihe SWF-Sessions jeweils einer Band vorbehalten waren, präsentieren sich als Vol. 6 der Serie: Violence Fog und Jerusalem. Beide Bands waren im südwestdeutschen Raum beheimatet und zählten dort zu den Lokalmatadoren.

Falsch wäre es allerdings, VIOLENCE FOG und JERUSALEM Provinzialität oder Durchschnittlichkeit zu unterstellen. Die für den damaligen Radiosender SWF eingespielten Musiktitel belegen eindrucksvoll musikalische Originalität und beachtliches handwerkliches Können.

Im Vergleich zu den bisherigen Veröffentlichungen in der Reihe SWF-Sessions sind VIOLENCE FOG und JERUSALEM eher der „Gitarrenfraktion“ zuzurechnen, wobei VIOLENCE FOG zusätzlich mit der Verwendung der Querflöte und markanten Gesang auffallen, während für JERUSALEM epische Musikstücke mit Westcoast-Anklängen charakteristisch sind.

VIOLENCE FOG
gründeten sich 1969 aus Mitgliedern lokaler Bands aus dem Großraum Baden-Baden. Bereits nach wenigen Proben war die Band in der Lage, erfolgreiche Auftritte zu absolvieren. Neben Eigenkompositionen gehörten Bearbeitungen von „Brother were are you“ (Remo Four) und „Paint it black“ (R. Stones) zum Repertoire. Die Band hatte eine Menge Fans, die die Gruppe regelmäßig zu ihren Auftritten im südwestdeutschen Raum begleiteten. Neben den üblichen Gigs in Jugendzentren und Musikclubs spielten VIOLENCE FOG auch anlässlich regionaler Premieren und Aufführungen von Musikfilmen wie Easy Rider, Woodstock, Alice’s Restaurant oder Let it be. Dort erzielte die Band mit ihrer aufwendigen, auf die Kinoleinwand projizierten Psychodelic-Light-Show einen besonderen Effekt. Mitte 1970 hatte die Gruppe einen überregionalen Bekanntheitsgrad erreicht. Sie beschloss, sich beim SWF zu bewerben, zwecks Teilnahme an dessen Produktionsreihe mit erfolgversprechenden Nachwuchsgruppen. Am 23.04.1971 war dieses Ziel erreicht und die Gruppe spielte die hier veröffentlichten Titel im radioeigenen Studio U 1 in Baden-Baden ein. Obwohl die SWF-Aufnahmen der Band nochmals einen Motivationsschub gaben, löste sie sich wenige Wochen später aus beruflichen Gründen auf. Trotz intensiver Recherche konnten keine anderweitigen veröffentlichungsfähigen Titel dieser großartigen Band ausfindig gemacht werden.

Gitarrist Enno Dernov und Schlagzeuger Herbert Brandmeier spielten anschließend bei Jud’s Gallery (SWF-Sessions Vol. 1), wobei Enno Dernov diese Gruppe wenige Monate vor deren Aufnahmen beim SWF wieder verließ. Später war er Mitglied bei Brainstorm und übernahm die Bassgitarre auf deren zweiter LP. Anschließend spielte er bei Respect. Die Zwillingsbrüder Karl-Heinz und Wolfgang Höfer wechselten zur Volksmusik.

JERUSALEM
gründeten sich um die Jahreswende 1969/1970 als Matthias Stein und Richard Reß die Gruppe Intoxication verließen und Hungry Love mit Günther Rüffel, Wolfgang Hilgert und Bernd Lewandowski sich auflösten. Die 5 Musiker, 16 – 20 Jahre alte Schüler bzw. Auszubildende, hatten sich bereits zuvor als fester Bestandteil der jungen Musikszene in und um Landau/Pfalz gekannt und wollten etwas eigenes auf die Füße stellen, da sie des Nachspielens internationaler Hits überdrüssig geworden waren. Die hochmotivierten jungen Musiker schafften binnen kurzer Zeit ein auftrittsfähiges Programm, sämtlich aus Eigenkompositionen bestehend und waren bald die Hauptattraktion der Landauer Musikszene. Neben dem gekonnten Zusammenspiel der beiden Gitarristen (Matthias Stein und Günther Rüffel) war der Umstand, dass JERUSALEM mit 2 Bassisten (Richard Reß und Wolfgang Hilgert) spielten, besonders auffällig.

Die Musik der Band, dem damaligen progressiven Zeitgeist verpflichtet, war Ausdruck des kreativen Potentials jedes einzelnen Mitglieds und wurde von den Fans begeistert aufgenommen. Anlässlich verschiedener gemeinsamer Auftritte wurden bereits bekanntere Bands, wie Ihre Kinder und Frumpy auf JERUSALEM aufmerksam und verpflichteten sie als Vorgruppe. Im Rahmen einer Tournee mit Frumpy spielten JERUSALEM dann nicht nur im südwest- und süddeutschen Raum, sondern auch in Österreich und der Schweiz. JERUSALEM traten ebenfalls mit Fashion Pink (SWF-Sessions Vol.3), der Band von Roland Schaeffer auf. Roland Schaeffer war vom SWF als Produzent für den Nachwuchsgruppen-wettbewerb verpflichtet worden. JERUSALEM bewarben sich beim SWF und spielten am 04.06.1971 im radioeigenen Studio die vorliegenden Titel ein. Sämtliche Titel wurden im Rahmen der Sendung Pop-Shop von SWF 3 ausgestrahlt. Leider konnte die Band vom dadurch weiter gesteigerten Bekanntheitsgrad nicht profitieren.

Wenige Monate nach den SWF-Aufnahmen verstarb Gitarrist und Sänger Matthias Stein bei einem tragischen Motorradunfall. Richard Reß, langjähriger Freund von Matthias Stein, war derart geschockt, dass er seine Musikaktivitäten beendete und sich zurückzog. Diese Ereignisse bedeuteten das Ende von JERUSALEM. Trotz intensiver Recherche konnten auch hier keine weiteren Titel – leider auch keine Fotos – der innovativen Band aufgefunden werden. Die verbliebenen Musiker schlossen sich anderen lokalen Gruppen an. Günther Rüffel spielt aktuell in seiner Freizeit in einer Coverband. Bernd Lewandowski arbeitet als freier Musiker.

VIOLENCE FOG
und JERUSALEM sind eindrucksvolle Beispiele dafür, dass anspruchsvoller und origineller Kraut- und Progressivrock nicht nur in den Metropolen gespielt wurde, sondern auch ein regionales Phänomen war.


Manfred Steinheuer, März 2001


Dank an: Enno Dernov (Info), Herbert Brandmeier (Allgrafia GmbH, Artwork), Bernd Lewandowski und Günther Rüffel (Info) und allen weiteren beteiligten Musikern. Christiane, Trevor Wilson (Translation), shapefruit AG, SWR-Media GmbH.


VIOLENCE FOG "SWF Session Vol. 6"

NEW ONE
05:00
ROLLI ZINK 06:40
BROTHER WHERE ARE YOU
07:15
LEISURE 04:25
TOWN CHILD BABY 06:35


JERUSALEM "SWF Session Vol. 6"

METAMORPHOSIS 13:30
MOON'S NEW WAY 06:00
RAINY DAY 12:10






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