WIND     Seasons Wind              



Die WIND Geschichte

In den späten 60er Jahren gab es im fränkischen Großraum Nürnberg / Erlangen eine bunte und lebendige Rockmusikszene. Steve (Bernd) Leistner war zu dieser Zeit schon als Solist (Gesang/Git.) und mit der Nürnberger Band „Faction“ als Leadsänger unterwegs. Er konnte bereits erste regionale Erfolge verbuchen und Faction gewann 1968 die „Nürnberger Stadtmeisterschaft der Beatbands“. „Bentox“, darunter vier Wind-Urmitglieder, gab es schon seit 1964. Sie galten als die beste Erlanger Band und waren die anerkannten Lokalmatadoren.

1969 ließen die sich auf eine sogenannte Ostasien-Tournee ein, die sich dann als eine sechsmonatige Truppenbetreuung (mit täglich zwei Shows an vorderster Front) im Vietnamkrieg herausstellte. Am Ende wurden sie auch noch um die Gage geprellt und mussten sogar Instrumente und Anlage verhökern, um die Rückflugtickets nach Deutschland bezahlen zu können. Durch diese Pleite war ein Neustart und die weitere Zukunft rein finanziell sehr schwierig geworden, der Kampf ums Überleben wurde zum täglichen Brot.

Trotz des Vietnam-Fiaskos gab die Band nicht auf. Sie bewarb sich bei diversen Plattenfirmen um einen Plattenvertrag. Miller International mit dem Billig-Label „Europa“ griff zu. Unter der Leitung von Produzent Jochen Petersen wurde eine LP mit dem anonymen Fantasie-Namen CORPORAL GANDER’S FIRE DOG BRIGADE eingespielt und für schlappe 5,00 DM (ca. 2,50 Euro) unters Volk gebracht. Der Lohn für die Band: einmalige 5.000,- DM (ca. 2.550,- Euro), keinerlei Urheberrechte. Man nannte sich nun in „Chromosom“ um, danach stieg der Sänger Franz Seeberger aus der Band aus. 1970 boten sie Steve Leistner nach einem Konzert mit seiner neuen Band „Flying Carpet“ den Einstieg als Leadsänger und Profi-Musiker an. Miller International hatte vor, mit anfangs drei Gruppen (neben WIND die Bands TOMORROW´S GIFT und IKARUS aus Hamburg) ein neues, eigenes Deutschrock-Label +PLUS+ zu etablieren. Einer solchen Versuchung, mit gerade mal 19 Jahren die erste eigene Platte zu produzieren, konnte und wollte Steve nicht lange widerstehen. Mit ihm kam nun nicht nur ein stimmgewaltiger Sänger und Frontman in die Band, sondern auch ein kreativer Kopf, der maßgeblich dazu beitrug, der Band in kurzer Zeit ein eigenständiges Profil und Repertoire zu geben. Schon nach dem ersten Proben war allen klar, dass mit dieser Besetzung die Post abgehen würde. Die Chemie stimmte und man war sich einig, nur noch eigene Kompositionen zu spielen. Auf der Bühne wollten sie „die Schaufel auspacken“, alles geben. „Erst kommt die Band, dann lange nichts, dann du selbst, die Frau, die Mutti, der Hund oder sonst was“, das war die Maxime. Trotz Eigenbau-Verstärkern und Anlage, mit zum Teil verpfändeten Instrumenten, ohne eigenen Tontechniker (den Sound mischte man selbst von der Bühne aus) wollten sie alles „wegblasen“, was sich auf dem Weg zum „internationalen Durchbruch“ in den Weg stellen würde.

Die neue Gruppe und der neue Name „WIND“ waren geboren.

Die Bandmitglieder waren:

Steve Leistner (13.01.1951)
Leadvocals, harmonica, flute, schlotteria, percussion

Thomas Leidenberger (09.09.1948)
guitars, vocals, leadvocal on „Now It’s Over“

Andreas Büeler (19.08.1948)
bass, vocals

Lucian Büeler (19.08.1948)
organ, piano, vocals, percussion

Lucky Schmidt (18.08.1945)
drums, percussion, vibes, clarinet, piano on „Romance“

Im Januar 1971 ging es dann also zur Produktion der ersten LP „SEASONS“, produziert von Jochen Petersen, nach Köln-Stommeln ins legendäre 16-Spur Studio von Dieter Dierks. Nach zwei Wochen euphorischer Tag- und Nachtarbeit war das Debüt-Album fertig aufgenommen und abgemischt. Freunde der Gruppe halfen beim LP-Cover. Bernd Bär malte das Front-Bild, der Fotograph Bernd Böhner machte die Fotos für die Cover-Rückseite am „heiligen Berg“ der Region, dem sogenannten Walberla.

Am 1. Juni 1971 wurde dann das neue Label +PLUS+ mit Auftritten der drei Gruppen vor geladenem internationalen Branchen- und Pressepublikum in der Musikhalle Hamburg präsentiert. Einen Tag zuvor hatte WIND seinen ersten echten Profi-Auftritt auf dem Burg Herzberg Festival. Der grandiose Erfolg dort, eine schlaflose Nacht auf der Autobahn im uralten Opel-Blitz Band-Bus und die großartige Atmosphäre und Akustik der Musikhalle am nächsten Tag taten ihre Wirkung: WIND spielte die Hamburger Bands glatt an die Wand. Die Presse, die eigene Firma und die Branchen-Fachleute waren begeistert. Gleich zwei Tage später spielte WIND im HH-Stadtpark als Vorprogramm von CAN. Das HAMBURGER ABENDBLATT schrieb: „WIND bläst CAN von der Bühne.“ Es folgten ganzseitige Artikel und Auftritte in allen angesagten Hallen Hamburgs und Norddeutschlands, von Onkel Pö´s bis zur Ernst Merk Halle, mit Gruppen wie East Of Eden, Hardin and York und Roger Chapman´s Family. Sogar das Eröffnungskonzert der berühmten Hamburger FABRIK wurde von WIND bestritten. Die HÖR ZU, damals Deutschlands beliebteste Fernsehzeitschrift, lobte die LP SEASONS in höchsten Tönen: „… eine der wenigen Gruppen, die ihre Live-Atmosphäre auf Vinyl bannen können.“ Gelobt wurden das positive und natürliche Auftreten ohne billige (oder besser gesagt teure) Showeffekte, die Live-Power und Kommunikationsfähigkeit mit dem Publikum und der Einfallsreichtum und die Unterschiedlichkeit der WIND Kompositionen. Stücke wie die fast 16 min. Nummer „Red Morningbird“ erlangten Kultstatus im Norddeutschen Rundfunk NDR. In der kurzen Zeit ihres Bestehens erspielte sich WIND deutschlandweit eine große Anhängerschar. Ob in kleinen Clubs oder auf großen Festivals (British-German-Rock-Meeting, 18.09.1971, Hamburg, mit WIND und FAMILY als Hauptgruppen; 1972 beim 2. British-Rock-Meeting, auf der Rheininsel bei Germersheim , dem deutschen Woodstock, nach PINK FLOYD vor hunderttausend begeisterten Zuhörern), die Band überzeugte sowohl musikalisch als Ganzes als auch durch ihre individuellen Typen.

Der „Bravo Boy“ Tommy (Git./Voc.), die Schweizer Zwillinge Andi Büeler (Bass/Voc.) und Lucian Büeler (Hammond-Orgel/Voc.), der freakige Lucky Schmidt (Drums/ Piano/ Vibraphon) und der präsente Frontman Steve Leistner ergaben eine mitreißende Mischung mit markantem Sound und mehrstimmigen Gesang. Imponiergehabe und Starallüren waren ihnen fremd. WIND wurde in kürzester Zeit auf der Bühne eine der Top-Ten Rockbands Deutschlands (BRAVO) und „der Geheimtip unter Branchen-Insidern“ (FLASH). Allerdings verfolgte die Plattenfirma Miller Int. weiter ihre Politik, LPs als Discount-Ware zu vertreiben.

Auf dem Label +PLUS+ diesmal zu einem sogenannten Mid-Preis von 12,80 DM statt dem damals üblichen LP-Preis von 22,00 DM. Aufgrund der für LPs damals geltenden Preisbindung kam sie nur selten in den bundesweiten Fachhandel und wurde vornehmlich in Supermärkten und Tankstellen angeboten, also an Orten, an denen die einschlägigen Fans eben nicht ihre Platten einkauften. Zudem konzentrierte sich der Vertrieb hauptsächlich auf Norddeutschland und das Umland der in Quickborn bei Hamburg ansässigen Plattenfirma. Um das Album bundesweit anbieten zu können, erwarb die Band selbst nicht unerhebliche Stückzahlen, die sie dann bei Konzerten und in befreundeten Plattenläden anboten. Immerhin sollen sich nach Angaben von Miller International ca. 30.000 Alben von SEASONS verkauft haben, was für deutsche Bands damals schon als ein großartiger Verkaufserfolg galt. Das zweite WIND Album „Morning“ wurde noch von Miller International bei Dieter Dierks 1972 in Stommeln produziert, das Label +PLUS+ hatte aber keine Zukunft mehr. Um der Band trotzdem eine Perspektive zu eröffnen, einigte man sich auf eine Vertragsauflösung gegen Bezahlung der Bandkosten von 20.000,- DM. Ein ertragsangebot des britischen Labels ISLAND musste ausgeschlagen werden, denn nur CBS war bereit, die Bandkosten und einen lebenswichtigen (rückzahlbaren) Vorschuss von weiteren 15.000,- DM an die Band auszuzahlen. Im Sommer 1972 wurde „Morning“ bei CBS veröffentlicht. Musikalisch zeigte die Band neue Facetten. Mit viel Gespür für feine Melodien pflegte die Band auch ihre „weiche“ Seite. Die Musik erschien reifer und komplexer, was die Presse wie folgt goutierte: „Vielschichtige musikalische Strömungen umspielen einander wie der romantische Hauch eines Sommerabends“ (POP); „Glanzstück bundesdeutscher Pop-Produktion“ und „Platte des Jahres 1972“ (Hamburger Abendblatt).

Diese Wertschätzungen korrespondierten allerdings nicht mit den LP-Verkäufen bei CBS. An der anfangs beschriebenen finanziellen Misere änderte sich wenig trotz unzähliger (schlecht bezahlter) Auftritte. „Wir mussten teilweise von nur 60,- DM im Monat leben, ohne unsere Mädels, die uns unterstützen und fütterten, wäre nichts gelaufen. Der Gerichtsvollzieher war oft Gast im Proberaum“. Als der neue Manager Jonas Porst (zuvor Manager von IHRE KINDER und danach von AERA) auch noch seinen Rückzug erklärte und die von ihm gestellte WEM-PA samt LKW und das Booking abzog, war WIND ökonomisch wieder bei Null angekommen. 

Aus privaten, hauptsächlich aber finanziellen Gründen wurde das Ende der Band beschlossen und mit einem großen „Weihnachtskonzert“ in der Erlanger Stadthalle am 23.12.1972 zelebriert. 1973 erschien dann bei CBS noch eine Single mit dem Titel JOSEPHINE. In der TV-Sendung „HITS A GOGO“ gab es einen letzten gemeinsamen Farewell-Auftritt, danach trennten sich die Fünf endgültig.

Steve: „SEASONS ist meine Lieblingsplatte, war unser Erstlingswerk, voll von Leidenschaft und Druck. Was sich über Jahre an Stücken und Gefühlen aufgestaut hatte, konnten wir hier richtig loslassen. Rough and ready, kantig und urig, und doch auf höchstem musikalischen und soundtechnischen Niveau. Nach den gelungenen Aufnahmen und der Endmischung fühlten wir uns wie junge Götter und irgendwie unsterblich“. Die Legende WIND lebt ! Steve Leistner blieb der Musik verbunden, gründete 1985 sein eigenes Label Trick Music (www.trick-music.de) und produziert seit dem u. a. die Musikprojekte von Klaus Kreuzeder („der Saxophonist im Rollstuhl“ - AERA, SAX AS SAX CAN, BIG BANG ORCHESTER, BEST OF K.K.) im Studio und auf Tournee. Lucian Büeler ist als erfolgreicher Voice-Coach und Musikproduzent tätig. Sein Zwillingsbruder Andreas unterhält die Kleinkunstbühne „Fifty-Fifty“ mit angeschlossenem Café in Erlangen. Lucky Schmidt spielt noch immer live Schlagzeug, Perc. und Piano auf höchstem Niveau und auch Thomas Leidenberger ist seiner Gitarre treu geblieben. 


Steve Leistner, Oktober 2009




WIND - Seasons Wind

Side 1
What Do We Do Now 08:25
Now It’s Over 04:22
Romance 01:31
Springwind 07:08

Side 2
Dear Little Friend 04:15
Red Morningbird 15:56




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